Bühne
Siegessäule präsentiert: Brechts „Die sieben Todsünden”
Barrie Kosky inszeniert das Stück an der Komischen Oper mit Dagmar Manzel in der Hauptrolle, einzelne Vorstellungen bis Juli
© Franziska Meletzky Schauspielerin und Sängerin Dagmar Manzel
siegessaeule.de 12.2. – Es ist eine bedrückende Geschichte: Eine Frau erzählt von sich und ihrer Schwester. Wie beide von ihren Eltern und den Brüdern in die „großen Städte“ geschickt worden sind, um Geld zu verdienen für ein „Haus am Mississippi“. Aber bald wird klar, dass es gar keine Schwester gibt. Es gibt nur eine Frau, die aber hat sich aus Leid geteilt. Sie singt: „Meine Schwester ist schön, ich bin praktisch. Sie ist etwas verrückt, ich bin bei Verstand. Wir sind eigentlich nicht zwei Personen, sondern nur eine einzige …“ Diese Figur, Anna, ist fertig. Aufgerieben, weil sie sich verbiegen musste, um Geld zu verdienen. Sie hat ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse unterdrückt und sich wie Ware dargeboten. Am Ende steht das ersehnte Haus der Familie, aber Anna ist ein Psychowrack: Schizophrenie als Flucht vor einer Situation, die anders offenbar nicht zu ertragen ist, weil die ureigensten menschlichen Bedürfnisse der aufzehrenden Jagd nach materiellem Gewinn geopfert werden. Die Tochter der Familie muss für die Verwirklichung des Kleinbürgertraums herhalten.
Brechts Lob auf die „Todsünden“
Davon handelt die Parabel „Die sieben Todsünden“, Text von Bertolt
Brecht, Musik von Kurt Weill, entstanden 1933 in der Zeit der Emigration
in Frankreich. Brecht präsentiert die sieben Todsünden aus der christlichen
Tradition: Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht, Neid. Er deutet
sie aber positiv um. Hätte Anna nämlich diesen Verlockungen nachgegeben,
wäre sie nicht vor die Hunde gegangen. Weill hat dazu eine vom Jazz und von den Modetänzen der 1920/30er-Jahre geprägte Partie für die Hauptfigur Anna geschrieben. Die Gesänge der Familie karikieren klassische Vorbilder und sind für ein reines Männerensemble komponiert, um die patriarchale Häusle-Bau-Ideologie zu unterstreichen.
Schauspielerin und Sängerin Dagmar Manzel (Foto), die an der Komischen
Oper in „Kiss me, Kate“ und „Zum weißen Rößl“ virtuos und umwerfend
komisch war, übernimmt die Hauptrolle der Anna in Barrie Koskys Neuinszenierung der „Sieben Todsünden“. Und kann darin ihr Talent im bitterernsten Fach zeigen.
Eckhard Weber
„Die sieben Todsünden“, Komische Oper, Premiere: 12.2., 19 Uhr
weitere Vorstellungen: 22.2., 10.3., 9. und 13.6., 2.7.
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