Buch
„Das Mädchen“ von Angelika Klüssendorf
„Das Mädchen“ ist ein meisterhafter Roman von Angelika Klüssendorf und Auftakt einer Triologie
© Alex Reuter Angelika Klüssendorf
siegessaeule.de 19.11. – Was für eine Kämpferin! Und was für ein Buch! Die Hauptfigur in Angelika Klüssendorfs neuem Roman hat es nun wirklich nicht leicht. „Das Mädchen“ lebt dort in einer ostdeutschen Vergangenheit, die den meisten von uns – zum Glück – unbekannt sein dürfte: Sadismus, Suff und Staatsgewalt sind da an der Tagesordnung. Die völlig verrohte Mutter quält genussvoll ihre eigenen Kinder, die Nachbarn kümmert es einen Dreck und der trunksüchtige Vater ist ohnehin schon lange weg. Aber so sehr ihm auch zugesetzt wird: dieses Mädchen lässt sich nicht unterkriegen, das beißt sich durch. Mit klarer, erbarmungsloser Sprache erzählt Angelika Klüssendorf eine faszinierende und radikale Coming-of-Age-Geschichte, die durch das Fehlen jeglicher Mitleidsbekundungen einen Sog entstehen lässt, dem man sich als Leser kaum entziehen kann.
Geisterbahnfahrt durch eine zerfetzte Kindheit und Jugend
Schon der Einstieg ist da ein Fausthieb: „Scheiße fliegt durch die Luft“, heißt der Anfang des ersten Satzes. Die Mutter hat ihre beiden kleinen Kinder mal wieder tagelang allein gelassen, und nun wissen die Geschwister nicht, wohin mit dem Eimer voller stinkender Fäkalien. Eine rasante Eröffnung ist das, die das Tempo für eine Geisterbahnfahrt durch eine zerfetzte Kindheit und Jugend vorgibt. Und während der jüngere Bruder an den Umständen zu zerbrechen droht und immer neue, wunderliche Ticks entwickelt, legt sich das Mädchen einen Panzer zu, der es zwar verhärtet, aber auch schützt.
Als es etwa Zeugin wird, wie die Mutter versucht, das nächste ungewollte Kind mit Stricknadeln abzutreiben, beginnt man unter dem kühlen Blick des Mädchens zu begreifen, wie hier Schritt für Schritt die Grenzen von Täter und Opfer verschwimmen. Und so verdrehen sich auch die herkömmlichen Koordinaten: Der dunkle Keller wird zum tröstlichen Zufluchtsort, das DDR-Heim zum ersten Zuhause. Dass dieser meisterhafte Roman dann irgendwann (zu schnell!) zu Ende ist, lässt sich nur damit verschmerzen, dass die Autorin angekündigt hat, „Das Mädchen“ sei der Auftakt einer Trilogie. So bleibt zu hoffen, dass wir einer der faszinierendsten Persönlichkeiten der deutschen Gegenwartsliteratur bald als Frau wiederbegegnen dürfen. Wir sind gespannt!
C.N.
Angelika Klüssendorf: „Das Mädchen“, Kiepenheuer & Witsch, 182 Seiten, 18,99 Euro
Kommentar schreiben
zurück
Weitere Artikel dieser Rubrik
- Armistead Maupins „Mary Ann im Herbst“
- Schwul in der Schule – Romanserie zum Thema
- Katharina Geiser liest „Diese Gezeiten“ im Literaturhaus, 23.2.
- Memoiren von Joe Brainard: „Ich erinnere mich”
- Rainer Hörmanns zweiter Roman „Immer wieder samstags”
- Regina Nössler: „Auf engsten Raum“
- Eine neue Foucault-Biographie, von Michael Fisch
- „Der Traum des Kelten“ von Mario Vargas Llosa
- Neues Buch über den Mythos: die 20er-Jahre in Berlin
- „Gespräche in der Nacht” - Erinnerungen an Francis Bacon
- Gelassene Gegenstimme – Pier Paolo Pasolini
- Hervé Guibert – ein schwuler Radikalliterat
- Neuentdeckt: Sache Sperling
- Emmanuelle Bayamack-Tam: „Die Prinzessin von ...“
- Bax: Die Meisterin der Kürze schwächelt auf der Langstrecke

Kommentare
Noch kein Kommentar vorhanden...