Siegessäule - Memoiren von Joe Brainard: „Ich erinnere mich”

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Memoiren von Joe Brainard: „Ich erinnere mich”


„Ich erinnere mich“ erweckt einen fast vergessen US-Künstler zum Leben

© PR/Wren die Antonio Joe Brainard

siegessaeule.de 14.12. – Heute ist es fast unvorstellbar, aber es gab ein Downtown New York, in dem die Mieten billig waren. Fünfzig Jahre ist es her, dass die Gegend zwischen dem Hudson und dem East River am südlichen Ende Manhattans junge Künstler aller Couleur anlockte, die in schrammeligen Lofts lebten und berühmte Clubs wie den Mudd Club frequentierten (der infolge von Aids vers­torbene Klaus Nomi war einer von ihnen). Vorausgegangen, und teils noch zeitgleich tätig, waren die Factory-Leute um Andy Warhol und die Generation der New York School of Painters and Poets. Von den Dichtern der New York School kennt man hierzulande meist nur zwei Namen, nämlich John Ashbery und Frank O’Hara, und das war’s auch schon.

Paul Auster nennt Joe Brainards Memoiren ein „Meisterwerk“

Jetzt hat ein mutiger Schweizer Kleinverlag die von Paul Auster als „Meisterwerk“ gerühmten Memoiren eines weiteren Dichters und Künstlers dieser Downtown Clique auf den Markt gebracht, nämlich Joe Brainards „Ich erinnere mich“. Mit typisch amerikanischem Understatement notierte Brainard 1970, was ihm so durch den Kopf schoss, wenn er an seine damals noch lange nicht verflossene Jugend dachte. Er spielt mit der Chronologie, mischt die Themen, spielt mit Gefühlen – seinen Gefühlen – und aus diesem genialen Mix resultiert ein unwiderstehlicher Cocktail, den Auster als „erhebend lustig und gleichzeitig tief bewegend“ beschreibt. Um ihn zu goutieren, muss man weder jung noch schwul sein wie der 1942 geborene Joe Brainard – auch wenn’s nicht schaden kann – denn das Lebensgefühl des damaligen New York glich dem der heutigen Berliner Szene, der letzten „armen“ aber „kreativen“ Metropole.

Joe kam aus Tulsa, Oklahoma, ein Provinzler also, aber ein falscher Naiver mit der besonderen Gabe, alles auf den Punkt zu bringen. So hält er larmoyant eine seiner ersten sexuellen Erfahrungen in den alles andere als locker unbeschwert geltenden fünfziger Jahren wie folgt fest: „Ich erinnere mich noch an eine frühe sexuelle Erfahrung. Im Kinosaal des Museums für moderne Kunst. An den Film selbst erinnere ich mich nicht mehr. Zuerst presste sich ein Knie gegen das meine. Dann kroch eine Hand von meinem Knie zwischen meine Beine. Wanderte in meine Hose und dann in meine Unterhose. Es war sehr aufregend, aber ich traute mich nicht, ihn anzuschauen. Er ging, bevor der Film zu Ende war, und ich dachte, er würde draußen bei der Ausstellungen mit den Lithographien auf mich warten, und stand dort herum, und niemand interessierte sich für mich.“

Aber nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Zeichner und Cover-Designer von Büchern verdingte sich Brainard. Er war sozusagen ein Hansdampf in allen Genres, und die Tatsache, dass er, wie so viele seiner Generation, 1994 an den Folgen von Aids gestorben ist, legt sich für den Leser wie ein kleiner schwarzer Schleier über diese mit leichter Hand raffiniert komponierten Erinnerungen.   
Uta Goridis/rob

Joe Brainard: „Ich ­erinnere mich“, Walde+ Graf 2011, 208 Seiten, 14,95 Euro

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