Buch
Emmanuelle Bayamack-Tam: „Die Prinzessin von ...“
Prädikat: herausragend!
© www.secession-verlag.com Die Autorin
siegessaeule.de 26.5. – „Eines Tages werde ich erklären, wie Männer letzten Endes zu weitaus überzeugenderen Frauen werden.“ Mit jenem Versprechen beginnt der Roman „Die Prinzessin von ...“, und ist nur eines von vielen nie direkt eingelösten Versprechen, die sich aber dennoch gründlich erfüllen, folgt man der literarischen Tauchfahrt in die Seele des faszinierenden Protagonisten.
Dieser heißt Daniel, lebt in Paris, ist 25, hochintelligent und polnischer Abstammung. Seine Adoptivmutter verklärt Daniel schon von klein auf zu einer mythischen Figur, deren weibliche Üppigkeit es anzubeten und nachzueifern gilt. Nachts verwandelt sich Daniel in Marie-Line und tanzt und singt mit anderen „mtf’s“ im Nachtclub Arcadia. In dieser Zwischenwelt wird er selbst zu einem Mysterium, zu einer hypnotischen Schimäre, die mit Sex-Appeal und Musikalität ihrer angeborenen Hässlichkeit trotzt.
Der Protagonist des Buches bleibt ein Schwellenwesen
Und damit begibt sich der Leser und die Leserin in die „dreckige Realität der Transsexuellen“, eine Welt der Mieder und Netzstrümpfe, Brustimplantate und Vaginoplastiken, eine Welt, deren einziges Ziel es ist, Schönheit zu konservieren. Ungleich seinen Kolleginnen ist Marie-Line zufrieden damit, sich nicht ganz umzuwandeln, sondern eine Art Schwellenwesen zu bleiben, ein sublimer Avatar seiner ödipalen Fantasien. Selbst seine sexuelle Neigung ist nicht eindeutig zu verschubladen. Denn obwohl er sich in einen brutalen Knastbruder verliebt, den er bald mit seiner Mutter in flagranti erwischt, wird man Zeuge von deftigen Episoden in der Abstellkammer des Clubs, sowohl mit dem arabischen Inhaber als auch mit zahlreichen Gästen beiderlei Geschlechts.
Mit ihrem siebten Roman hat die in Marseille lebende Autorin ein Meisterwerk sprachlicher Intensität und Dichte geschaffen, das einem Jean Genet in nichts nachsteht. Durch die präzise Schilderung der seelischen Vorgänge des Helden, der an Rigorosität jeden „echten“ Mann weitaus übertrifft, entführt sie in die schattige Halbwelt der Kriminellen, der Drogen und des Proletariats, das sich nicht entscheiden kann, ob es angesichts der Verzauberten des Arcadia staunen oder schlichtweg austicken soll. Und so ergeht es auch den Lesenden, selbst wenn sie sich noch nie eingehender mit geschlechtlichen Identitäten auseinandergesetzt haben.
Reiner Narr
Buchpräsentation bei Eisenherz, 27.5., 20:30 Uhr, mit Gloria Viagra und den beiden Übersetzern Christian Ruzicska und Flamm Vidal
Emmanuelle Bayamack-Tam, „Die Prinzessin von ...“, Secession Verlag 2011, 217 Seiten, 22,95 Euro
Cover „Die Prinzessin von ...“
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