Siegessäule - Gelassene Gegenstimme – Pier Paolo Pasolini

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Gelassene Gegenstimme – Pier Paolo Pasolini


Die Essays von Pier Paolo Pasolini über die arabische Kultur sind topaktuell. Neu veröffentlicht im Sammelband: „Reisen in 1001 Nacht“

siegessaeule.de 18.7. – Durch den Nahen Osten und Nordafrika weht der Arabische Frühling. Nahezu täglich berichten die Medien über die revolutionären Ereignisse und spekulieren über deren Folgen. Und würde ein Mann noch leben, so hätte aller Wahrscheinlichkeit nach seine Stimme in den zahlreichen Diskussionen nicht gefehlt. Italiens schwuler Vorzeigeintellektueller, Regisseur und Publizist der 60er- und 70er-Jahre, Pier Paolo Pasolini.

Pasolini, der mit Filmen wie „Die 120 Tage von Sodom“ und „Teorema“ die kulturelle Elite Europas aufschreckte, war kein Fan der Moderne. Gerade die Länder, die in aller Munde sind, Jemen, Syrien oder das Dauerthema Iran, waren für ihn alles andere als rückständige, geschweige denn gefährliche Kulturen. Sie waren Gegenbeispiele, Horte der Natürlichkeit, Schätze des Altertums, deren Städte wie Sanaa er in ihrer mittelalterlichen, ästhetischen Gesamtform bewahren wollte. Der von Peter Kammerer zusammengestellte Sammelband „Reisen in 1001 Nacht“ zeigt dies in aller Deutlichkeit.

Westlicher Snobismus als Zerstörung arabischer Kultur

„Natürlich sage ich nicht, dass die Perser weiterhin in alten Häusern ohne Heizung, moderne Belüftung und alle entsprechenden Bequemlichkeiten leben sollten“, heißt es an einer Stelle des Bandes, „obwohl ich es vielleicht heimlich denke und mich dafür schäme. Denn das wäre absurd. Aber zwischen dieser Lebensform und totaler Zerstörung wird es doch wohl einen Mittelweg geben.“ Die Zerstörung war für Pasolini der „westliche Snobismus“, widerliche Neubauten, ja, der „Wohlstand“ und das Streben danach an sich.

Wie kaum ein Zweiter bereiste Pasolini den Nahen Osten und Afrika, immer auf der Suche nach unberührten Drehorten und „absolut schönen“ Laiendarstellern für sein nächstes Projekt. Dabei verfasste er zahlreiche kleine Essays über die Menschen, die er traf, die Städte, die er sah, und die politischen Systeme, denen er begegnete. Der im Corso Verlag erschienene Sammelband vereinigt vorrangig Texte, die Pasolini in Vorbereitung zu seinem Film „Erotische Geschichten aus 1001 Nacht“ schrieb. Hauptaugenmerk liegt hier auf Eritrea, Kuwait und eben dem Jemen.

Jede von ihm verfasste Zeile über Plateaus, zeitlose, verwinkelte Gassen und vor allem die Menschen, „deren Körper wahre Geschenke sind“, atmet die Begeisterung, Leidenschaft und auch die tiefe Wut und Trauer Pasolinis aus, die er bei ihrem Anblick fühlte. Der Anblick eines alten Stadttores, das bei seinem nächsten Besuch gesprengt wurde und einer Straße für Lastwagen Platz machen musste. Es sind magische Texte, kleine Zeitkapseln, die uns den Blick in eine „feudale Kultur“ eröffnen, wie es sie so schon nicht mehr gibt – und die trotz ihres Alters von teils vierzig Jahren nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben.  
Roberto Manteufel

Pier Paolo Pasolini: „Reisen in 1001 Nacht“, vorgestellt von Peter Kammerer, mit Fotos von Roberto Villa, Corso Verlag 2011, 144 S., 24,90 Euro

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