Siegessäule - „Gespräche in der Nacht” - Erinnerungen an Francis Bacon

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„Gespräche in der Nacht” - Erinnerungen an Francis Bacon


Ein neuer Band von Michael Peppiat vereint Interviews und intime Erinnerungen an den exzesserprobten, schwulen Maler

siegessaeule.de 6.8. – Er war ein Streuner, Säufer, jugendlicher Stricher, formvollendeter Dandy, manischer Spieler, Liebhaber von Damenunterwäsche und Make-up, Sadomasofan, riskant promisk und vom Tod besessen – ein wahrer Lebenfresser, ein Autodidakt und ein Genie, der größte, „härteste und lyrischs­te” englische Maler nach J. W. M. Turner. Am 28. Oktober 1909 geboren, wuchs Francis Bacon als eines von fünf Kindern in einer wohlhabenden Familie auf, die arm an Emotionalität und Zuwendung war, die Mutter eine frivole Neureiche, der Vater ein sadistischer Pferdezüchter. Mit 15 war der junge Bacon bereits von mehreren Stallknechten „eingeritten“ worden. Nachdem der Vater Francis bei der Anprobe von Mutters Unterwäsche erwischte, schickte er ihn 1927 zur „Umerziehung“ ausgerechnet in das Homoparadies Berlin. Ruhelose Jahre des Driftens und der Orientierungslosigkeit folgten, bis Bacon nach London zurückkehrte, wo er sich die Grundlagen der Malerei beibrachte.

Neurosen des Jahrhunderts ihre Auswirkungen auf Körper, Geist und Seele

Der Durchbruch kam als Schockskandal 1945 mit dem Triptychon „Drei Studien für Figuren am Fuße einer Kreuzigung“, wo traumatische Kriegserfahrungen, die Neurosen des Jahrhunderts und deren Auswirkungen auf Körper, Geist und Seele ähnlich halluzinierend visionär dargestellt wurden wie in Picassos „Guernica“.

Mitte der 50er-Jahre hatte Bacon als paradoxerweise extrem moralischer „Realist“ (Eigendefinition) seine Themen und seinen Ausdruck gefunden. Sein Bilderarsenal ist berühmt. Da ist der menschliche Schrei, der Papst, Politiker und Businesstypen, bevorzugt in einer Art Kerker oder Käfig oder auf Pritschen und Operationstischen. Zudem Erstechungs-, Kreuzigungs- und Homo­sexszenen, verkrümmte, gemarterte Gestalten, Furien jedweden Geschlechts, Gesichter wie aus einem in Flammen stehenden Horrorwachsfigurenkabinett. Entfremdung, Hoffnungs­losigkeit, Grauen, Pessimismus, Klaustrophobie, Bilder einer perversen und kranken Zeit: insgesamt extrem harte, tragische Kost, die eher Bewunderung als Sympathie weckt.

Zur umfangreichen Bacon-Literatur gesellt sich nun der edel gestaltete Band „Gespräche in der Nacht“ von Michael Peppiatt, dem bedeutends­­ten Biografen des Künstlers, mit dem ihn ab 1963 eine fast 30-jährige Freundschaft verband. Zwar sagte Bacon immer wieder, man könne nicht über Malerei sprechen, tat es aber dann doch reichlich. Hier finden sich nun zwei Interviews und eine Art Zitatensammlung. Vervollständigt wird das Buch durch liebevolle, intime Erinnerungen, Texte zu Bacons Kunst, zu seinem legendären Atelier Reece Mews und zu seinem intensiven Verhältnis zu Van Gogh.

Ein schön bebilderter, kluger, informativer und flüssig geschriebener Beitrag zur Bacon-Literatur, der auch einen Einblick in das wilde Privat- und Sexleben dieser unvergleichlichen Jahrhunderfigur gibt.
Egbert Hörmann

Michael Peppiatt: „Gespräche in der Nacht – Francis Bacon über seine Arbeit“, Piet Meyer Verlag, 122 Seiten, 28,40 Euro

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