Buch
Hervé Guibert – ein schwuler Radikalliterat
Vor 20 Jahren starb der französische Autor und Fotograf Hervé Guibert infolge von Aids. Ein neuer Bildband ehrt den Künstler
siegessaeule.de 30.6. – Wer derzeit eine französische Buchhandlung betritt, kommt an Hervé Guibert nicht vorbei. Die Schaufenster sind gefüllt mit seinen an die vierzig Büchern, denn der Todestag des schwulen Romanciers und Fotografen jährt sich in diesem Jahr zum zwanzigsten Mal – am 27. Dezember 1991 starb Guibert an den Folgen von Aids.
„Tout dire!“ war sein Motto, alles sagen, und selbst in den Tod ging Guibert, der nur 36 Jahre alt wurde, nicht ohne radikale Öffentlichkeit. Er war der erste prominente Autor, der die Verlogenheit der Gesellschaft im Umgang mit Aids anklagte und der Pharmaindustrie vorwarf, aus Profitgier heraus kein Interesse an der Entwicklung eines Mittels gegen HIV/Aids zu haben. All dies tat der engste Weggefährte des 1984 ebenfalls an Aids verstorbenen Philosophen Michel Foucault mithilfe seiner öffentlichen Wirkung sowie seiner Radikalliteratur, wobei „Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat“ sowie „Mitleidsprotokoll“, beide erschienen im Rowohlt Verlag, einer besonderen Erwähnung bedürfen.
Was er über Foucault schrieb, wurde ihm oft übel genommen
Dass Guibert, wenn es ihm um die Wahrheit ging, auch vor seinen Freunden nicht haltmachte, zeigen gerade diese beiden Bücher. So heißt eine der Hauptpersonen „Muzil“, und darin ist Michel Foucault unschwer zu erkennen. Die Brisanz: Foucault gilt bis heute als Säulenheiliger in Frankreich, und noch immer reagiert man arg verschnupft auf Guiberts Beschreibung vom Philosophen als sexgierigen SM-Anhänger, der dem nahenden Tod „mit herrischem Gleichmut“ entgegengesehen habe. Was Guibert-Kritiker damals wie heute unter die Decke kehren: Es war Foucault, der in seinen Vorlesungen von der Tugend der Wahrhaftigkeit gesprochen hatte, und Guibert war da offensichtlich nicht nur dessen Freund, sondern auch ein gelehriger Schüler gewesen.
Nun ist in Frankreich Guiberts Film „La Pudeur ou l’Impudeur“ – Scham oder Schamlosigkeit – auf dem Markt, er dokumentiert darin schockierend offen sein Leiden. Es ist dies die logische Konsequenz seiner Sichtweise, wonach auch die eigene Existenz ein künstlerisches Projekt sein kann. Das DVD-Cover zeigt in mortifizierendem Schwarz-Weiß das engelsgleich-schöne Antlitz Guiberts, was sich beim Betrachten seines Verfallprozesses in dem Film kaum mehr nachvollziehen lässt. Guiberts Bücher sind in über zwanzig Sprachen übersetzt worden, in Deutschland gerät er zunehmend in Vergessenheit. Immerhin hat Schirmer/Mosel aktuell einen wunderbaren Bildband mit neuen Fotos Guiberts wiederaufgelegt. Holger Doetsch
Hervé Guibert: „Photographien“. Mit einem Text von Jean-Baptiste Del Amo, Verlag Schirmer/Mosel, 39,90 Euro
Filmtipp: „La Pudeur ou l’Impudeur“, DVD, französischer Import,
62 Minuten, mit Bonusmaterial, 27,99 Euro
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Guiberts Fotografien sind einfach unglaublich zeitlich, sie könnten gestern oder vor 50 Jahren entstanden sein, dass macht seine Bilder so anziehend. Einfach nur zu empfehlen!
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http://www.bruno-premi.de/
von: Jens, 28.07.2011 17:16 Uhr