Buch
Neues Buch über den Mythos: die 20er-Jahre in Berlin
Das Buch mit CD „Sündiges Berlin – Die zwanziger Jahre: Sex Rausch und Untergang” trägt Dachbodenschätze zusammen
© Index Verlag Abbildung aus „Sündiges Berlin”, S. 116
siegessaeule.de 30.8. – Dem schwulen „Winnetou” werden sadistisch-soziopathische Tendenzen nachgesagt – auch und wegen der kruden Rituale, denen sich Männer in den frühen 30ern unterziehen mussten, wenn sie Mitglied seiner „Wild Frei“-Clique werden wollten. Winnetou war nur einer der „Häuptlinge“ schwuler Gruppen mit oftmals sonderbaren Namen, in denen sich rebellierende Jungmänner im Berlin der Weimarer Republik zusammenfanden.
Berkeley-Professor Mel Gordon begegnete Fotos des verrufenen Herrn auf seinen Recherchen zu „Sündiges Berlin. Die zwanziger Jahre: Sex, Rausch, Untergang“ und er sammelte sie mit vielen anderen Zusendungen und Dachbodenschätzen in einem Karton. Ein Großteil Berliner Zeitgeschichte, der vor den Nationalsozialisten gerettet werden konnte, fand seinen Weg in dieses extraordinäre Buch, das nun auch auf Deutsch erscheint.
„Berlin bedeutet Burschen“
Gordon versucht, wirklich jeden Aspekt des Molochs, als der Berlin in den 20ern und frühen 30ern galt, zu beleuchten und zu illustrieren. Neben der „Girlkultur“, Prostitution und dem aufkommenden NS-Regime beschäftigt sich der Autor ausführlich mit schwul-lesbischen Themen. Kapitel wie „Berlin bedeutet Burschen“, „Warme Schwestern“, „Grenzgänger“ und „Die neue Wissenschaft der Lust“ sind für die geneigten Leserinnen und Leser eine Fundgrube an Hintergrundinformationen, an prachtvollen Fotos und Zeichnungen und wecken unter Umständen ein ganz neues Geschichtsbewusstsein. Denn während Berlin in heterosexuellen Kontexten als frivoles Sündenbabel gleichermaßen gefeiert und beäugt wurde, lief die Stadt in den 20ern Paris den Rang als Lesben-Eldorado ab und wurde als Zentrum homosexueller Liebe in Europa gefeiert.
Lesben gegenüber manchmal herablassend
Diese Hochburg sexueller Vielfalt ist Gordon zu beleuchten bemüht – in lockerem Ton, der sich leicht lesen lässt, dem aber Ironie und Sarkasmus allzu subtil innewohnen. In der Beschreibung schwuler Strömungen schwingt oft bewundernder Voyeurismus, im Kontext „weibischer“ Homosexueller und Lesben Herablassung mit. Dieses Verschwimmen persönlicher Standpunkte und mutmaßlicher Volksmeinung kreiert über weite Strecken eine Atmosphäre von Endgültigkeit und lässt die Distanz vermissen, die ein wissenschaftlich angehauchtes Buch haben sollte.
Alles in allem aber, und insbesondere der Bilder und des 40-seitigen Reiseführers durch die einschlägigen Locations wegen, ist „Sündiges Berlin“ eine Augenweide und Inspiration.
Tania Witte
„Sündiges Berlin: Die zwanziger Jahre: Sex, Rausch, Untergang“, Index/Promedia Verlag, 288 Seiten, 39,99 Euro. Dem Buch lieg eine Audio-CD bei
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