Berlin
Sex als „Ventilöffnung“
Cem Yildiz, ehemaliger Berliner Escort, im Interview über seinen autobiographischen Roman „Fucking Germany“
© Norbert Guthier
SIS im September 2009: Warum hast du ein autobiografisches Buch geschrieben?Cem Yildiz: Erstens wollte ich was schaffen, zweitens wollte ich mal aufzeigen, was unter Männern passiert. Frauenprostitution kennt man ja, das Thema ist bekannt, aber was unter Männern passiert, interessiert anscheinend jetzt erst.
Hattest du Hilfe beim Schreiben? Ich hatte ein gutes Lektorat.
Wie lange hast du daran geschrieben? Ungefähr ein Jahr, jeden Tag ein bisschen, ganz entspannt.
Wie würdest du dich definieren – schwul oder bi? 70 Prozent schwul, 30 Prozent bi.
Warst du in der Zeit als Escort mit jemandem zusammen? Zwei Beziehungen, die länger gingen, aber sonst nur Affären.
Hatten die ein Problem mit deinem Job? Manche schon, aber ich dachte mir, wenn das ihr Problem ist, ist das ihr Problem und nicht meines.
Hat deine Erfahrung als Escort dein privates Sexleben verändert? Nein, eigentlich nicht. Ich konnte das gut trennen im Kopf, Sex und Job.
Glaubst du an die Liebe? Hm, komische Frage ...
Meinst du, das Internet hat das sexuelle Leben der Schwulen verändert? Ja, auf jeden Fall, es ist alles schnelllebiger geworden und anonymer, man hat ja alle Möglichkeiten und muss nichts preisgeben, man sagt hier und da, aktiv, passiv, auf was stehst du, dann trifft man sich, das ist einfacher geworden. Aber ich glaube, dass die meisten Sexdates eh nicht zustande kommen. Kenn ich von meinen Bekannten, die 10 Stunden im Netz auf Sexsuche sind und dann klappt nichts. Anstrengend. Und im Escort-Bereich hat sich auch was verändert. Jeder kann sich im Internet anbieten und viele bieten sich zu billig an und machen Preisdumping.
Wie würdest du Männlichkeit definieren? Also wenn du jetzt nen Mann neben ne Frau stellst, dann sieht man ja den Unterschied. Aber wenn sich jetzt ein Mann wie eine Frau benimmt, oder zu ner Halbfrau konvertiert, dann ist das für mich kein Mann mehr. Wenn man bei sich bleibt und natürlich ist und mit sich im Reinen, ist das schon männlich.
Und ist ein Mann weniger Mann für dich, wenn er passiv ist? Nein, auf keinen Fall.
Was haben Freier bei dir hauptsächlich gesucht? Also ich denke mal, das ist für die meisten eine Ventilöffnung. Waren ja viele bei mir, die in Führungspositionen waren und endlich mal loslassen wollten.
Auf was stehst du privat? Das ist Privatsache! Interessiert auch nicht wirklich jemanden, oder?
Unterschätze mal unsere Leser nicht! Haha!
Interview: Reiner Narr
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