Buch
Silvia Bovenschen: Spiel mit Stolpersteinen
Ihr Buch „Wer weiß was?“ ist ein bisschen Krimi, ein bisschen Satire und noch viel mehr – hier die Autorin im Interview
© Jürgen Bauer Literaturwissenschaftlerin und Autorin Silvia Bovenschen
SIS 2.2. – Die Literaturwissenschaftlerin und hochgelobte Essayistin Silvia Bovenschen (bekannt geworden unter anderem mit „Die imaginierte Weiblichkeit“) hat sich mit ihrem Buch „Wer weiß was“ einem neuen Genre zugewandt: Dem Kriminalroman. Oder doch nicht? Interview mit der Autorin über das bewusste Spiel mit den Genres.
SIS: Als ich das Buch las, hab ich gedacht: „Das ist kein Krimi.“
Silvia Bovenschen: Das habe ich mehrfach gehört, und wer so an das Buch herangeht, ist sicher enttäuscht. Aber es heißt ja auch nicht Krimi, es heißt ‚Eine deutliche Mordgeschichte’. Wenn ich einen ausgesprochenen Hardcore-Krimi hätte schreiben wollen hätte das anders ausgesehen. Nein. Es ging mir schlicht darum, eine unterhaltsame vordergründige Geschichte zu haben.
SIS: Die in Ihnen vertrauten Gefilden spielt.
SB: Natürlich. Das Universitätsmilieu kenne ich sehr gut. Und ich ironisiere das zwar, aber ich bin das in allen Figuren zu einem gewissen Grad auch selbst. Meine Freude und Lust an diesem Buch war, dass ich spielen konnte – mit den Genres, mit den Gattungen. Der Kriminalroman ist einfach nur das Trägersystem.
SIS: Das ist zu spüren. „Wer weiß was“ wirkt in weiten Teilen wie eine große Stilübung, ein begeistertes Erkennen der unendlichen Möglichkeiten eines Romans.
SB: Ja, und es sollte auch ein bisschen witzig sein. Aber dahinter steht auch die Frage, warum wir uns eigentlich in Fernsehspielen und Kriminalromanen dauernd mit Leichen beschäftigen wollen. Ich wollte den emotionalen Abstand zum Tod und zur Leiche unterbringen. Doch vor allem geht es im Buch um das Verhältnis der Leute, das sie zu diesem Thema haben, und wie sie darüber sprechen.
SIS: Jeder kreative Mensch kennt den inneren Zensor. Den abzuschalten ist angeblich die große Kunst. Sie haben ihm in „Wer weiß was“ Raum gelassen.
SB: Ja, ich wollte, dass viele Blicke auf das Geschehen kommen. Deshalb gibt es eine Art Chor, den die Rezensionen Außerirdische nennen und der immer wieder einen objektiven Stand referiert. Zudem: man ist nie alleine, wenn man schreibt. Um mich herum stehen immer fünf, sechs Leute, die mir sagen: Das kannst du nicht machen, dieses Verb kannst du nicht nehmen usw. Warum also nicht einfach diese Einsprüche – von wem auch immer sie kommen – im Roman drin lassen?
SIS: In ihrem Roman soll man sich also über höhere Wesen wundern und über Alternativvorschläge für Verben in Klammern stolpern ...
SB: Es gibt massenhaft Literatur, die die Mühelosigkeit belohnt, in der alles aufgelöst wird und man niemals stolpert oder irritiert ist. Ich finde es auch nicht schlimm, wenn Menschen das lieber mögen. Aber ich hatte die Hoffnung, dass es welche gibt, die auch das Stolpern mögen – und die scheint sich erfüllt zu haben.
Trotz aller Verspieltheit geht es in meinen Buch um ernste Themen, um Glück, um Erbarmen. Das ist in Deutschland nicht üblich: Hier will man eine Unterscheidung – entweder es ist lustig, dann ist es nicht ernst zu nehmen oder es ist tragisch, dann muss es vom ersten Moment an diesen düsteren Ton haben. Aber ganz ehrlich: Mir ist das letztendlich völlig egal. Ich mache sowieso, was ich machen möchte, und dann freut es mich, wenn ich Leute finde, die es mögen und wenn nicht, ist es für mich auch kein Unheil.
Interview: Tania Witte
Silvia Bovenschen, „Wer weiß was?“, Fischer Verlag
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