Buch
„Verzaubert in Nord-Ost“: Endlich erzählte Geschichte
Schwerpunkt des Buches ist das Leben von Schwulen und Lesben in der DDR im heutigen Bezirk Pankow, aber auch in der Nazizeit davor
SIS im November 2009 – „Verzaubert in Nord-Ost“: So lautete der Titel eines Geschichtsbuchs, das nicht zuletzt ein Geschichtenbuch ist. Beginnend in der Kaiserzeit, geht es den Spuren lesbischen und schwulen Lebens im heutigen Großbezirk Pankow nach. Zahlreiche Bilder und Dokumente machen neugierig und vermitteln einen Eindruck vom Zeitgeist.
Herausgegeben wurde das Werk vom Sonntags-Club, nachdem Geschäftsführer Michael Unger aufgefallen war wie wenig über die ostdeutschen Homosexuellen in der Ausstellung des Schwulen Museums zu erfahren war. Diese Lücke will das Buch schließen. Ohne Großsponsoren, dafür mit viel ehrenamtlichem Engagement, wurde die Arbeit aufgenommen. Immer wieder gelang es einzelne Mitarbeiter durch Förderprogramme zu finanzieren. Insgesamt 19 MitarbeiterInnen waren schließlich daran beteiligt. Für die fachliche Betreuung wurde Jens Dobler gewonnen. Der schwule Historiker ist bereits mit einem vergleichbaren Buch über Kreuzberg-Friedrichshain in Erscheinung getreten und hat auch zahlreiche Beiträge im neuen Buch verfasst.
Die DDR-Zeit nimmt proportional den größten Teil des Buches ein, ganz im Sinne von Ungers Anatz. Nicht zuletzt wollten man mit Zeitzeugen sprechen können, die noch den Nationalsozialismus und die frühe DDR erlebt hatten.Spannend für West-Leser ist zu erfahren wie selbstverständlich Lesben und Schwule miteinander umgegangen sind. Das markiert auch für Dobler einen wichtigen Unterschied im direkten Vergleich zur Situation im Kreuzberg der West-Berliner Jahre.
Untrennbar zu jenen Jahren gehört aber auch die Stasi. Alle Homo-Gruppen im Ostteil der Stadt wurden von ihr gleichermaßen überwacht, egal wie staatsnah oder -fern sich deren Protagonisten selbst sahen. Eingegriffen wurde immer dann, wenn es zur Vernetzung ihrer Aktivitäten kommen sollte. Dabei griff man sowohl auf Zersetzung durch Informelle Mitarbeiter in den Gruppen als auch durch direkte staatliche Eingriffe zurück.Besonders interessant dürfte für viele daher ein Interview mit dem Schriftsteller Michael Sollorz sein. Dessen IM-Tätigkeit ist seit langem bekannt, doch seine heutige Beurteilung dieser Zeit dürfte noch für Diskussionen sorgen.
Daneben gibt es viele kleine Alltagsgeschichten zu entdecken, darunter auch staunenswerte. Wer hätte gedacht, dass eine Transe unbehelligt in ihrem Weißenseer Kiez durch die NS-Zeit gekommen ist? (zw)
Verzaubert in Nord-Ost, Hrsg. Sonntags-Club, Bruno Gmünder Verlag, 320 Seiten, 20 €
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