Bühne
Balance ist Glück: Die Sopranistin Adrianne Pieczonka
Die in Kanada lebende Sängerin ist im Juni an der Deutschen Oper als „Arabella” zu sehen, hier im Interview
© Andreas Klingberg
SIS im Juni 2010: Frau Pieczonka, Sie sind Sopranistin und bei vielen Komponisten und Stilen zu Hause. Gibt es einen Favoriten?
Adrianne Pieczonka: Verdi, Wagner, Mozart, Richard Strauss und Puccini. Sie sind alle genial, ich liebe sie alle.
Apropos Wagner: In Bayreuth haben Sie die Sieglinde oft gesungen. Wie war es auf dem Grünen Hügel? Toll, es war ein großes Erlebnis, eine Ehre. Ich glaube, es ist immer etwas Besonderes, wenn ein neuer Ring Premiere feiert – das war 2006 mit dem Dirigenten Christian Thielemann und eine Sternstunde für mich. Der Applaus nach dem ersten Akt und am Schluss war mächtig. Es ist ein Festival mit tollen Kollegen, ich habe die Zeit genossen.
Sind Sie Wolfgang Wagner öfter begegnet? Ja, besonders am Anfang, als er noch besser in Form war. Ich war zum Abendessen bei ihm und seiner Frau Gudrun eingeladen, es war beeindruckend: Richard Wagners Enkel!
Jetzt sind Sie wieder als Arabella an der Deutschen Oper. Diese lyrische Sopranpartie singen Sie seit über zehn Jahren. Wie wird sie diesmal interpretiert? Ich kenne keine Details und weiß bisher nur, dass die Inszenierung anders sein soll, nicht traditionell. Sie findet wohl in einem Parkhaus statt, also eher kontrovers. Es wird für mich etwas Neues und ich freue mich, denn ich liebe die Partie sehr!
Welche Rolle fehlt noch in Ihrem breiten Repertoire? Ich werde demnächst die Aida versuchen und auch „Un ballo in maschera“, zwei tolle Verdi-Rollen, die für mich auch stimmlich eine Herausforderung sind.
Reisen, Jetlag, anstrengender Beruf: Wie regenerieren Sie sich? Auszeiten, Familienzeit, ganz normale Routine sind wichtig, das lenkt mich ab und gibt mir Energie. Es ist nie leicht, länger von der Familie weg zu sein. Ich bin mit einer Frau verheiratet und wir stehen immer im Dialog: Wie machen wir das?
Ihre Lebensgefährtin Laura Tucker ist Mezzosopranistin. Haben Sie sich auf der Opernbühne kennengelernt? Ja, wir haben uns in einer „Walküre“-Produktion kennengelernt. Ich war die Sieglinde und sie eine der Walküren. Seit 2005 sind wir verheiratet und da wurde auch unsere Tochter Grace geboren. Laura hat mehr geopfert und singt nicht so viel wie ich, denn zwei große Karrieren gleichzeitig, das ist schwer! Sie ist immer da und mehr die Nummer-1-Mutter.
War Ihr Outing problematisch? Nein, eigentlich nie, vielleicht, weil ich so etabliert bin. Ich bin nicht politisch engagiert, aber ich lebe auch nicht versteckt, sondern bin stolz auf meine Familie und spreche gerne darüber. Und ich bin stolz, dass wir in Kanada seit 2004 eine gleichgeschlechtliche Ehe haben. Das ist ein guter Trend, modern und vorwärtsdenkend. Hier sind die verschiedensten Lebensformen gesetzlich anerkannt und auch Laura und ich sind vor dem Gesetz als Eltern gleichberechtigt.
Sie leben jetzt in Toronto? Ja, das ist ein bisschen New York von Kanada, multikulti. Wir wohnen in einem alten viktorianischen Haus mitten in der Altstadt und können zu Fuß überallhin.
Sie wirken so lebensfroh, was macht Sie glücklich? Balance macht mich glücklich! Singen natürlich, aber auch Harmonie und der Ausgleich mit meiner Familie. Also Karriere plus Privatleben.
Interview: Andrea Winter
Richard Strauss, „Arabella“, Lyrische Komödie in drei Aufzügen, Dichtung von Hugo von Hofmannsthal, Wiederaufnahme 9.6., 12.6., 16.6., 19.30 Uhr, Deutsche Oper. Tickets im Siegessäule Online-Shop
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