Bühne
Orlando an der Komischen Oper: Liebeswahn im Hippiewald
An der Komischen Oper gab Mørk-Eidem sein Debüt als Opernregisseur, wieder am 16. Juli
© Monika Ritterhaus
SIS 7.3.2010 - In Skandinavien ist Alexander Mørk-Eidem bereits ein Regiestar, für seine Theaterinszenierungen wurde er in Norwegen, Schweden und Dänemark mit wichtigen Preisen ausgezeichnet. Jetzt hat er in Berlin mit Georg Friedrich Händels Barockoper „Orlando“ auch sein Debüt als Opernregisseur gegeben.
Eine Reminiszenz an die nordischen Länder ist Erlend Birkelands Bühnenbild von Anfang an: Immer wieder rückt die Drehbühne die helle Kiefernholzvertäfelung ins Bild; sie erinnert nicht nur an eine skandinavische Sauna, sondern auch ans spießige innenarchitektonische Design der 70er-Jahre, das durch potthässliche Blumenkübel noch verstärkt wird. Und es gibt noch mehr Hippi- und Flower-Power-Ambiente, denn im dichten Wald aus Kunstbäumen zelten ein paar Freaks neben ihrem VW-Bus. Vorne am Bühnenrand macht sich ein riesiges Ledercouchensemble breit und der lange Hals eines Saiteninstruments ragt aus dem Orchestergraben nach oben. Da kommt Lagerfeuerromantik auf, und wie im Roadmovie streifen die Protagonistinnen und Protagonisten durchs Gehölz oder kriechen in Gummistiefeln aus dem Zelt und konsumieren Pilze. All das darf man als ironischen Regiekommentar verstehen, denn Händels 1733 uraufgeführte Opera seria zeichnet sich neben ihrer differenzierten Figurendarstellung auch durch die Vermischung von komischen und heroischen Elementen aus. Die Geschichte ist simpel, es geht um den rasenden Roland – und damit ist nicht die Dampfeisenbahn auf Rügen gemeint, sondern Orlando furioso, der in wilder Leidenschaft und vor allem Eifersucht entbrannte Anti-Held. Er steht im Zentrum der ménage à quatre, die dann ja doch monogam bleibt. Orlando (Mariselle Martinez) liebt Angelica (Brigitte Geller), diese wiederum ist Medoro (Elisabeth Starzinger) zugetan und wird zurückgeliebt, dafür verschmäht Medoro Dorinda (Julia Giebel), welche die emotionale Ablehnung gelassen hinnimmt und dabei auch noch so hervorragend singt und spielt, dass ihr der stärkste Applaus des Abends gilt.
Gelegentlich flimmern auf einer Leinwand Filmschnipsel, zu sehen sind Küsse und Liebeskuddelmuddel im Bett, doch trotz Pilzen und Liebesrausch hält sich die Verwirrung des Geistes dann doch in Grenzen. Der Magier Zarathustra (Wolf Matthias Friedrich) gebärdet sich ziemlich unterirdisch, als schamanenhafter Hippi-Guru mit Wasserpfeife versucht er, Orlando dem Liebeswahn zu entreißen und wieder zu einem starken Krieger zu machen. Doch Orlando trägt nicht nur eine Waffe, sondern auch eine Handtasche mit Schminkutensilien, sieht aus wie Che Guevara ohne Bart und will sein Leben nicht Ruhm und Ehrgeiz widmen, sondern allein der Liebe. Zur Raserei fehlt ihm aber wohl die letzte Dosis Testosteron und auch die wunderschöne Barockmusik kann seine Wut nicht steigern. Die beiden von Frauen gesungenen Krieger Orlando und Medoro sind nicht als klassische Hosenrollen angelegt, sondern bleiben gemäß dem barocken Verwirrspiel der Geschlechter auch sichtbar weiblich.
Angelica und Medoro überzeugen als süßes Liebespaar, der zarte Jüngling mit wallendem Haar erinnert in seinem Negligee an das androgyne Outfit barocker Höflinge mit Absatz und Perücke, Angelica dagegen trägt kurze Haare und kommt auch mal im Anzug daher; ihre feminin-androgyne Ausstrahlung ist erotisch und effektiv.
Obwohl Orlandos Tragik und die Hippie-Ausstattung nicht wirklich korrespondieren, ist Mørk-Eidems Inszenierung gelungen: die Modernität der barocken Geschlechterverwirrung ist überzeugend gut dargestellt und die Geschlechterfrage in Händels Oper erübrigt sich ja, denn nichts als die Liebe soll diskutiert werden, alte Geschichte im neuen Gewand.
Auf den Klamauk der schweigsamen Hupfdohlentranse (Bernd Stempel) mit Glatze und Kostüm hätte man getrost verzichten können, doch viel Szenen- und ein großer Schlussapplaus für vier tolle Frauen auf der Bühne sind verdient. Die chilenische Mezzosopranistin Mariselle Martinez klingt zwar noch etwas leise und alles andere als furios, neben der zauberhaften Brigitte Geller ist Julia Giebel der wirkliche Star des Abends.
Andrea Winter
Nächste Vorstellungen: 3./18. April jeweils 19.30 Uhr, 16. Juli, 20 Uhr, Komische Oper
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