Bühne
Tipp: Die sieben Zwerge als schwule WG
In der Märchenhütte im Monbijoupark gibt es mit Pink Grimm Geschichten für Erwachsene, die alte Märchen neu interpretieren, bis 25.2.
© Bernd Schönberger
SIS 30.12.2009– Es war einmal – so fangen alle Märchen an. Die Frage ist nur, wie es dann weitergeht mit der bösen Fee, der runzligen Hexe, der vergifteten Königstochter oder dem verwunschenen Prinzen. Das Frauen- und Männerbild im traditionellen Märchen ist bekanntlich vielseitig interpretierbar, auch gendertechnisch lauern in etlichen Plots homoerotische Chiffren und Travestie.
Zum Beispiel bei „Schneewittchen“: Hinter den sieben Bergen lebt die berühmteste Männer-WG der Welt, sieben Zwerge allein im Wald, weibliche Wesen sind nicht willkommen. Oder „Frau Holle“ mit zwei Schwestern der ganz besonderen Art, die eine hässlich und faul, die andere fleißig und schön – da ist der Zickenterror vorprogrammiert. Genau das macht diese Märchen so reizvoll für Andreas Köhler und Roger Jahnke. Beide sind Schauspieler des Hexenkessel Hoftheaters; Jahnke gründete die Open-Air-Bühne 1994 und ist ihr künstlerischer Leiter.
Seit Anfang Dezember spielen sie in der winterlich aufgeheizten Märchenhütte auf dem Bunkerdach im Monbijoupark in der neuen Reihe „Pink Grimm“ die erwähnten Märchen um Schönheit, Alter, Neid und Jugendwahn. Allerdings verteilen sie die Rollen völlig neu. „In ‚Frau Holle’ hat sich unser Regisseur auf die beiden Mädchen beschränkt, Goldmarie und Pechmarie. Die eine schön, ichbezogen und karrierebewusst, die andere eher punkig und faul. Als Klammer um das Märchen der beiden Showgirls fungiert der Film ‚Muriels Hochzeit’: Die Außenseiterin Muriel flüchtet sich in eine andere Welt mit ABBA-Musik, und so mache ich das als Pechmarie auch. Für mich ist ABBA die größte Welt – und dann steige ich aus und mache meine eigene Show.“, so Roger Jahnke.
Beide Märchen werden an einem Abend gespielt, jeweils als 30-Minüter in einer Fassung für zwei Schauspieler. Daher sind die Kostüme eher minimalistisch, da wird schnell noch ein Hut aufgesetzt oder ein Bart angeklebt. Spannend für die Zielgruppe ist aber auch „die Tatsache, dass sich zwei Schauspieler mit Wahnsinns-Make-up aufbrezeln und sich vom Mann zur Frau umdesignen. Und natürlich sind die Zwerge in der Pink-Version eindeutig schwul und dann stößt Schneewittchen dazu – das kommt schon sehr queer daher.“ Und vielleicht ist der berühmte stiefmütterliche Satz ja auch ein schwules Motto, uralt wie die Märchen der Gebrüder Grimm: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“
Andrea Winter
„Pink Grimm“, 7.1.–25.2.,
immer Donnerstags um 22.30 Uhr, Märchenhütte im Monbijoupark
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