Siegessäule - Tipp: Improvisationskünstlerin Billa Christe mit den „Gorillas“

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Bühne

Tipp: Improvisationskünstlerin Billa Christe mit den „Gorillas“


Spontanes Theater jenseits von oberflächlichen Gags

© Paula Wellmann

SIS 9.6. Sie braucht nur wenige Sekunden, um die Leute zum Lachen zu bringen. Das Publikum hat die Stichworte „Mittelalter“ und „Hexenverbrennung“  auf die Bühne gerufen, und schon spielt Billa Christe eine knöchrige Kräuterhexe mit Buckel und fies verzogenem Gesicht, die blonden halblangen Haare unter einer Kappe versteckt, ihre hellen graugrünen Augen blinzeln gemein. Nicht nur die Hexe mimt Billa Christe an diesem Samstag im ausverkauften Kreuzberger Ratibortheater: Da sind außerdem die unterdrückte, verklemmte Schwester, die zur Sadistin wird, die großklappige Verkäuferin in kariertem Kittel und die Angebetete in einem lesbischen Coming-out-Musical. Die 36-jährige Improvisationsschauspielerin wechselt souverän zwischen den Charakteren und ist auf meist ironische Art witzig. Und immer nah dran an den Zuschauern: Als sie sich im Meer ertränken will, spielt das Publikum die Wellen und trägt sie über die Köpfe hinweg.
Billa Christe und ihre Kollegen sind keine Hobby-Improvisationskünstler,  sondern professionelle Schauspieler. Seit zwölf Jahren treten sie als „Die Gorillas“ auf. Es geht keineswegs nur um schnelle Gags; zwischendrin gibt es ernsthafte und stille Szenen, es geht um Abschiede, Verletzungen und Ängste. „Wir sind das klassische Volkstheater, denn wir erzählen die Geschichten der Leute, da sie die Vorgaben machen“, erklärt Billa Christe. Was als Leidenschaft begonnen und nicht selten als Hobby belächelt wurde, ist zu ihrem Beruf geworden. Aufgewachsen in Hessen kam Billa Christe 1992 für ihre Schauspielausbildung nach Berlin, spielte im Berliner Ensemble und in verschiedenen Off-Theatergruppen, bevor sie das Improvisationstheater entdeckte. „Ich hab gedacht: Das ist ja der Hammer! Und hab mich sofort in diese Theaterform verliebt“, erzählt sie heute über ihren ersten Abend im Improvisationstheater. Nun steht sie mehrmals in der Woche mit den „Gorillas“ und bei den  „Theatersport“-Shows auf der Bühne, gibt Workshops und wird für Galas gebucht. Im Januar etwa spielte Billa Christe zum 90. Jahrestag des Frauenwahlrechts vor Angela Merkel, Alice Schwarzer und den deutschen Ministerinnen. Dazwischen braucht sie Ruhe, mal nicht reden, mal nicht präsent sein, und ist gern einfach zu Hause – in ihrer Friedrichshainer Wohnung, wo sie mit ihrer Freundin lebt.
In ihren Workshops wird klar, was sie am Improvisieren liebt. Still sitzt sie im Hintergrund und beobachtet ihre Schüler. Dann schreit sie „Stopp“ und geht mit schweren Schuhen durch den Raum, breitet die Arme aus. „Ihr habt nichts unter Kontrolle, und das ist das Schöne.“ Dann fallen Sätze wie „Brecht die Routine!“, „Da will ich mehr. Das berührt mich“. Es geht nicht um Originalität und Witzigkeit, sondern um Spontaneität und den Mut, auch mal zu scheitern.
Natürlich gibt es auch Sachen, die nerven. Wenn das Publikum nach einem Adjektiv gefragt wird, das gleich gespielt werden soll, rufen gerade Schulklassen oft „schwul“ auf die Bühne. „Ich hab meine Kollegen irgendwann gebeten, dann nicht immer die Megatunte zu spielen“, sagt Billa Christe.
Auch in der „Weibershow“ versucht sie als Moderatorin, mit Klischees aufzuräumen. Die Show findet einmal jährlich auf dem von den „Gorillas“ organisierten Impro- Festival statt. Da stehen nur Frauen auf der Bühne und die sind dann mal nicht immer nur Sekretärinnen oder die Ehefrau von irgendjemandem, sondern die ganze Bandbreite von Frauenbeziehungen kann ausgeschöpft werden: Geliebte, Rivalinnen, Schwestern, Mütter und Töchter. Derzeit denkt Billa Christe über ein neues Frauenprojekt nach – jenseits vom Improvisationstheater – und dann will sie statt zu schauspielern zum ersten Mal selbst Regie führen.

Kathleen Fietz  

Die Gorillas treten fast täglich im Ratibor Theater auf

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