Film
„Bent“ und „Paragraph 175“: Spätes Erinnern
Die Filmreihe „Welchen der Steine du hebst – Filmische Erinnerung an den Holocaust“ zeigt auch zwei Filme zur Verfolgung schwuler Männer in der NS-Zeit, ab 18.11.
SIS 17.11.2009 – Es ist beschämend, wie wenige Filme es zum Thema Schwulenverfolgung im Nationalsozialismus gibt. Zu den Raritäten gehört die britische Filmversion des weltberühmten Dramas „Bent“ mit Clive Owen in der Hauptrolle und Mick Jagger in einer Nebenrolle als Dragqueen, die in der Filmreihe „Welchen der Steine du hebst – Filmische Erinnerung an den Holocaust“ zu sehen sein wird. Gerade sind noch die sexuellen Ausschweifungen des Berliner Nachtlebens zu sehen, da wird der schwule Max verraten und ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Er wird vor die Wahl gestellt, sich vor den Nazis zu outen und sich damit dem sicheren Tod auszuliefern oder seinen Liebhaber zu verraten und sich an dessen Ermordung zu beteiligen. Er entscheidet sich zunächst dafür, sein Schwulsein zu verstecken, lässt sich auf die grausamen Forderungen der Nazis ein und gibt sich als Jude aus, in der Hoffnung, zu überleben. Schließlich bekennt er sich im dramatischen Ende zu seiner Liebe und zu seiner Menschenwürde.
Auch der konventionell gemachte Dokumentarfilm „Paragraph 175“ von Jeffrey Friedman und Oscar-Preisträger Rob Epstein ist ein Meilenstein, denn wer – außer vielleicht Rosa von Praunheim – wollte bis dato schon die schmerzhaften persönlichen Berichte schwuler Männer hören, die das mörderische NS-Regime überlebt hatten? Ein alter Mann weint vor der Kamera, denn wie die anderen findet er erst jetzt, nach jahrzehntelangem Schweigen und Nicht-wissen-Wollen, Gehör für das ihm zugefügte Leid. Dass beide Filme überhaupt im Programm der Filmreihe zu sehen sind, ist außergewöhnlich, denn Holocaust oder Shoa meint ja im engeren Sinn die Ermordung der europäischen Juden.
„Es war uns wichtig, auch auf die Leerstellen der Erinnerung hinzuweisen", sagt Claudia Bruns, Projektleiterin der Filmreihe und Berliner Kulturwissenschaftlerin, „deswegen zeigen wir bewusst auch Filme, die an die Ermordung von Homosexuellen oder Sinti und Roma erinnern."
28 Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilme aus zahlreichen Ländern präsentieren das Kulturwissenschaftliche Institut und das Kollegium Jüdische Studien an der Humboldt-Universität im Kino Hackesche Höfe und im Neuen Kant Kino. Zur Eröffnung am 18.11. ist u.a. Katharina Thalbach als Gast anwesend, um über den Spielfilm ihres früheren Lebensgefährten Thomas Brasch zu diskutieren, „Der Passagier – Welcome to Germany“. Neben Tony Curtis spielt sie eine der Hauptrollen. Wolfgang Theis vom Schwulen Museum und Siegessäule-Redakteurin Andrea Winter präsentieren „Bent“ und „Paragraph 175“ am 27.11.
Lilly Löwenstein
„Welchen der Steine du hebst – Filmische Erinnerung an den Holocaust“, 18.11.-5.12., Filmreihe und Symposium, mehr Info
27.11.: „Paragraph 175“, 20 Uhr, „Bent“, 22 Uhr, Kino Hackesche Höfe
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