Film
Mörderische Inzesttragödie: „Tannöd“
Regisseurin Bettina Oberli bringt den bayrischen Krimibestseller „Tannöd“ mit einem hervorragenden Drehbuch von Petra Lüschow auf die Leinwand
SIS im Dezember 2009 – Mit ihrem literarischen Debüt „Tannöd“ landete die Autorin Andrea Maria Schenkel 2006 überraschend einen Bestseller; der Kriminalroman basiert auf einem ungeklärten sechsfachen Mord in Oberbayern. Wie die Autorin hat auch die Schweizer Regisseurin Bettina Oberli die Ereignisse des tatsächlichen Mordfalls von Hinterkaifeck aus den 20er-Jahren in die 50er-Jahre verlegt.
Beklemmende Stimmung, Nebelschwaden, karge Dörfer und Höfe, abweisende Menschen: Es ist ein überaus düsterer Heimatfilm – und der literarischen Vorlage wird er absolut gerecht: Im dunklen Tannenwald, abgelegen von einem kleinen Dorf, liegt der Einödhof Tannöd. Eines Nachts werden dort die gesamte Familie Danner und ihre Magd brutal mit der Spitzhacke erschlagen, die Leichen werden erst Tage später entdeckt, aber der oder die Mörder nie gefunden. Die grausige Tat überrascht im Dorf niemanden, denn Bauer Danner (Vitus Zeplichal) war allseits verhasst, tyrannisierte seine Familie und das ganze Dorf, missbrauchte seine Tochter (Brigitte Hobmeier) Barbara bis in zu ihrem Tod, zeugte mit ihr zwei Kinder und nötigte überhaupt so gut wie jede Frau der Gegend sexuell, aber nicht nur seine frömmelnde Frau (Lisa Kreuzer) schwieg dazu. Alle wussten von den Zuständen auf dem Dannerhof, von Inzest und Gewalt, aber alle haben dazu geschwiegen und sich dadurch schuldig gemacht.
Die großartige Monica Bleibtreu spielt in „Tannöd“ ihre letzte Filmrolle vor ihrem Tod und gibt als unversöhnliche Traudl Krieger das personifizierte Gewissen jenseits von Gut und Böse. Sie ist Anklägerin und zugleich eine belächelte Außenseiterin, die keiner richtig ernst nimmt. Für den Film erfunden wurde die Figur der jungen Krankenschwester Kathrin (Julia Jentsch), die zur Beerdigung ihrer Mutter ins Dorf zurückkehrt und durch Briefe im Nachlass erfährt, wie ihre eigene Existenz mit der Tragödie verbunden ist.
Obwohl „Tannöd“ auf wahren Begebenheiten beruht, ist der Film eine Art Fortsetzung von „Das weiße Band“ – und fast so hervorragend wie Michael Hanekes Verfilmung, die mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde. Beide Filme thematisieren ungeklärte Verbrechen. Und beide Filme rücken wichtige Themen des 20. Jahrhunderts in den Mittelpunkt, nämlich Inzest bzw. den sexuellen Missbrauch der eigenen Töchter sowie den alltäglichen Faschismus – und zwar nicht nur in der deutschen Kleinfamilie. Andrea Winter
Jetzt im Kino
D 2009, 97 Minuten, Regie: Bettina Oberli, D: Julia Jentsch, Monica Bleibtreu, Volker Bruch
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