Kunst
Geschichte erleben: Verzaubert in Nord-Ost
Die Ausstellung über schwul-lesbisches Leben in Prenzlauer Berg, Weißensee und Pankow seit 1900 hebt Schätze und erzählt beeindruckende Geschichten
© Sonntags-Club Auch Charlotte von Mahlsdorf (Mitte) und ihre Freunde waren verzauber in Nord-Ost
SIS 7.6. – Diese Homos! Jetzt haben sie nicht nur ihre zweite schwul-lesbische Geschichtsausstellung in Berlin, sie bauen sie auch noch unkonventionell auf. „Wir wollen die Geschichte erlebbar machen”, sagt der Historiker Jens Dobler, der „Verzaubert in Nord-Ost” mitorganisiert hat.
Die Ausstellung hat zwei Teile, in dem einen wird chronologisch unterteilt das Leben von Schwulen und Lesben beschrieben. Der zweite hat vier Stationen, die den Besucherinnen und Besuchern Schwul-Lesbisches durch eigenes Er-Leben nahebringen sollen.
Die Zeit seit 1900 war wechselvoll. Vor allem über Biografien wird schwule und lesbische Lebensrealität aus Kaiserzeit, Weimarer Republik und NS-Zeit gezeigt. Es gibt Beschreibungen spannender Menschen aus Pankow wie die des Anarchisten Johannes Wolfmann, des Verlegers Friedrich Radszuweit oder des Dichters Bruno Balz, der auch für Zarah Leander Lieder geschrieben hat – aber auch weniger bekannte Personen wie die Fotografin Gertrud Liebherr. Auch Käthe Kollwitz wird gewürdigt, da sich die Malerin für die Emanzipation eingesetzt hat. Die wohl interessanteste Person dieser Zeit ist der Transvestit Gerda von Zobeltitz aus Weißensee, die in ihrem Heimatkiez sogar die NS-Zeit unbehelligt überstand.
Ein großer Teil der Ausstellung behandelt den Alltag in der DDR, etwa das Leben von Charlotte von Mahlsdorf, in deren Museum sich auch die Homosexuelle Initiative Berlin (HIB) gründete. Die HIB war nur einer von mehreren Versuchen, sich zu organisieren. „Untereinander waren die sich nicht grün, aber der Stasi war das egal, die hat alle überwacht, bis zum Ende“, sagt Jens Dobler. Den Schlusspunkt setzt hier der Film „Coming Out”, der am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, Premiere hatte.
Interessant sind die „Erleben”-Stationen: Jeder der Aufbauten ist etwa acht Quadratmeter groß und soll den Besucherinnen und Besuchern eine Facette schwulen und lesbischen Lebens näher bringen. Ein enger Gang symbolisiert „Kennenlernen und Kontakte” – zwei Menschen, die aneinander vorbei wollen, müssen sich arrangieren und berühren. Das soll für Orte stehen wie öffentliche Toiletten, Parks, aber auch Kontaktanzeigen, die Begegnungsmöglichkeiten von Homos.
Die zweite Station zeigt schwul-lesbische Kneipen: eine Bank, auf der man sitzen kann, etwas eng, denn so war es in der DDR auch: Wer in eine Kneipe kam, wurde platziert. Vor der Bank sind Informationen über Kneipen zu lesen, aber auch über Party-Wohnungen, von denen es einige gab. Die dritte Station behandelt den Underground: Auf einem Bildschirm läuft ein Interview mit dem Friseur Frank Schäfer. „Der war eine wichtige Szene-Figur und repräsentiert Punk und Subkultur.” Der Boden ist bedeckt mit Gedichten, um an die Underground-Szene der Literatur zu erinnern.
Musik ist das Thema der vierten Station, hier kann man die Liedermacherin Maike Nowak hören, Norbert Bischof oder auch die Gruppe Karussell, die mit „Sterne in der Nacht“ (1982) wahrscheinlich das einzige in der DDR gemachte Homo-Lied im Repertoire hatte. Eine letzte Wand zeigt zeitgenössische Kunst von Pankower Kunstschaffenden wie Andreas Fux und Sven Marquardt. Vor der Wand ist eine kleine Bühne, es soll Veranstaltungen geben, Lesungen, Filme und Diskussionen. Der Eintritt in die Ausstellung ist frei.
Malte Göbel
Zum Interview mit Kurator Jens Dobler
Siegessäule präsentiert: „Verzaubert in Nord-Ost“, Museumsverbund Pankow, Kultur- und Bildungszentrum Sebastian Haffner, Ausstellungshalle Prenzlauer Allee 227/228, 10405 Berlin, die Ausstellung wurde vom Sonntags-Club zusammen mit dem Museumsverbund organisiert, der Sonntags-Club gab auch schon das Buch „Verzaubert in Nord-Ost“ heraus
Hier zum Bericht von der Vernissage
Die Ausstellung läuft noch bis Mitte Dezember, Öffnungszeiten: Sa–Do, 10–18 Uhr, Eintritt frei
Mehr zur Location: Museumsverbund Pankow
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