Musik
Lady Gaga: massenkompatibel schrill
Auch ihr neues Album ist bewährt flach, zeugt aber auch von Ironie: „The Fame Monster" ist das aufgepeppte Update von „The Fame"
SIS im Januar 2010 – 2009 war ohne Zweifel das Jahr von Lady Gaga. Zeit für eine Abrechnung. „Mum Mum Mum Mah“, „Ra Ra-Ah-Ah-Ah, Roma Roma-Ma, Gaga Oh-La-La“! Voodoo? Nervenklinik? Nein, beides: Lady Gaga! Kaum ein Hirn, in dem 2009 nicht diese existenziellen Botschaften der 23-jährigen New Yorkerin umherspukten, keine Party und kein Klatschblatt ohne Stefani Joanne Angelina Germanotta. Mit fünf aufeinanderfolgenden Top-Ten-Hits darf das vergangene Jahr getrost als völlig gaga bezeichnet werden.
Unter dem programmatischen Titel „The Fame Monster“ ist nun ihr Millionenseller „The Fame“ als neues Album mit acht Zusatztracks auf den Markt gefeuert worden und der Erfolg reißt nicht ab. Doch was ist da eigentlich passiert? Was ist so besonders an den beinahe schamlos auf Großraumdisse gebürsteten Eurodancestampfern, die Frau Gaga mit schöner Regelmäßigkeit an der Spitze der Charts platziert? Gar nichts, richtig. Doch die Lady wirft eben viel mehr als „Pokerface“, „Paparazzi“ oder „Bad Romance“ in den großen Topf ihrer massenkompatiblen Schrillheit und schafft es damit, das beim Konsumenten wiedererwachte Bedürfnis nach mysteriösen Megastars zu befriedigen: Ein paar visuelle Elemente der überhypeten 80er, eine Prise Disco, Mode, Glamour und ein bisschen müdes Gender-Homo-Tralala braut die Künstlerin zu einem Retro-Electroclash-Image zusammen, das zu diesem Zeitpunkt eigentlich in etwa noch so crazy ist wie in den 80ern „Slice Me Nice“ von Disco-Liberace Fancy.
Doch wer soll es ihr verübeln, schließlich hat Madonna in ihren erfolgreichen Zeiten auch nichts anderes gemacht, als Undergoundtrends für die breite Masse aufzubereiten. Der Unterschied zwischen Lady Gaga und Madonna ist nur, dass Letztere sich auf ihre konstruierten Images besser vorbereitete und die Konzepte, zumindest für die Dauer ihrer Laufzeit, mit Inhalten füllen konnte. Eine Qualität, die Lady Gaga vermissen lässt. So ließ sie sich beispielsweise bei einem Konzert im letzten Sommer unters Röckchen filmen und präsentierte uns dort einen (ihren?) angeblichen Pimmel. Geschlechterverwirrung als erfolgsträchtiger Kunstgriff, David Bowie und Boy George können Jahrzehnte alte Lieder davon singen. Ein mit Intersexualität spielender oder gar wirklich intersexueller Popstar, das wäre es doch gewesen! Doch leider hielt Lady Gaga das selbstentfesselte Spiel mit den Geschlechtern nicht lange aus, und ließ ein paar Wochen später die Viva-Moderatorin Collien Fernandes spießig aus ihrer Pressekonferenz werfen, als diese nach Gagas Schwanz fragte. Ihr neues, flaches Album, großspurig als Gothicpop mit Industrialbeats angekündigt, bestätigt das einmal mehr. Das Blöde ist nur, und da muss man einfach mal ehrlich sein, nach drei Bier funktioniert es immer wieder. Jan Noll
Lady Gaga: The Fame Monster (Universal)
zurück
Weitere Artikel dieser Rubrik
- Bären-Pop: Das spanische Duo Barb@zul kommt nach Berlin
- Sibirischer Blues: Maria Marachowska live im Ex'n'Pop, 11.6.
- Wild life: Sexy Sushi und Randy Twigg im Konzert, 18.6.
- Full indie package: Roman Fischer, 1000 Robota, James Yuill live
- „Du musst männlicher werden, wenn du etwas haben willst“
- „Sie hat das Performancegen“: Georg Uecker über Lena, den Eurovision Song Contest und die Stimmung in Oslo
- Xiu Xiu überzeugt live – auch im HAU
- CocoRosie und ihre Bärte: Mehr als nur Genderverwirrspiel
- Gesamtkunstwerk Lady Gaga
- Melissa Etheridge: angstfreier Neustart
- Rufus Wainwright: Nach der Oper jetzt ein Liederzyklus
- Kaki King: Gitarrenvirtuosin mit Leidenschaft
- „Tomorrow, In A Year“ - Musik und Naturwissenschaft
- „Magnetic Fields“: Diabolische Folkmusik
- Die „globale, radikale, subkulturelle Queer-Community“ lebt
- Tomboy und Tussi: Electropopperin Annie im Interview
- „Sainthood": Das neue Pop-Album von Tegan and Sara
- Kraftwerk: queere Inspiration vom anderen Stern
- Dance yourself to death: toller Indiepop aus Kanada
- Bettina Köster: Die Hildegard Knef des Punk
- Für immer Chansons: Boris Steinberg
- MaerzMusik: Utopische Klänge für avantgardistische Ohren
- Brandi Carlile: „Ich bin froh, dass Obama unser Präsident ist"
- Owen Pallett: „Ich stehe nicht auf Typen in Tank-Tops“
- Teeniestars: Tegan und Sara im Astra
- Grandioses Comeback: Skunk Anansie gab Konzert in Berlin
- Philippe Jaroussky: „Ein Job für Narzissten“
- The Snoopy Lads: Berlins verkannte Kinder
- Joel Gibb: „Alle meine Songs sind melancholisch“
- Skin: „Ich bin wie ich bin“
- Janacek, Tschaikowsky und gute Laune: Concentus Alius
- Aus dem Keller der Geschichte: „Catholic“ von Patrick Cowley
- Divaesk: Patrick Wolf live im Astra
- „Humanoid“ – neues Album von Tokio Hotel ab 2.10.
- Herzschmerz, der gut tut: Anna Ternheim
- Schnuckelig: Jay Brannan
- „Besessen von der Bühne“ – Mika
- „Feed The Horse“ – Debütalbum von Fagget Fairys
- „Toleranz ist wichtig“- No Angels mit neuem Album
- Artige Superstars: La roux im Berliner Lido
- Heimkehr der Disco-Ikone: Donna Summer im Tempodrom
- Konzeptkunst: Zoot Woman präsentieren ihr drittes Album
- 2raumwohnung finden mit „Lasso“ zu neuem Groove
- Näd Mika öffnet ihr Electroclash-Kästchen dem Crossover
- Elly Jackson – Englands heißester Popexport
- Ist der Electrodandy passé? Namosh mit neuer Platte
- Placebo: Mit „Battle for the sun“ gegen Zynismus
- Gossip im Musik- und Modehimmel, Beth Ditto im Interview
- Grizzly Bear liebt Berlin
- Peaches über schwangere Männer, Sex und Älterwerden
- Brav und angepasst verliert: Eurovision
- Trotz monströser Perücken kaum Hysterie beim Peaches-Konzert
- Fado triff Jazz und Klassik – Telmo Pires wider alle Schubläden
- Ein großer Abend: Antony and the Johnsons im Admiralspalast
- „Love supply“ – Das perfekte Album für einen lässigen Sommer
- Tolles Konzert: Anna Ternheim begeisterte ihr Publikum
- Miss Kittin & The Hacker: neues Album „Two"
- Jessie Evans, Aztekenpriesterin zwischen Latin, Sax und Electro
- Daliah Lavi brüchig-genial im Friedrichstadtpalast
- Nina Queer und DJ Divinity: CD „Discopony“
- Tim Fischer im Interview
- Gustav Peter Wöhler rockt die Bar jeder Vernunft
- "There Is an Ocean ..." – Scott Matthew mit Kammerpop
- Edson Cordeiro überzeugt über vier Oktaven
- Mia machen auf Großraumdisco
- Labelle, Reunion „Back to now“
- Heute abend im Konzert: Antony and the Johnsons im Admiralspalast
- Heterosexuell, aber sehr schwul: Madonnaabba im Interview
- „Enfants d’Hiver“, Jane Birkin im Interview
- The Killers: „Day & Age“
- Phönix aus der Gosse: Marc Almond Konzerte im März
- Viktoriapark: „Was ist schon 1 Jahr?“
- Patti Smith, „Dream of Life“ neu auf DVD
- Madonnaabba: „Half a Zebra – Half a Man“
- Tim Fischer singt Kreisler, „Gnadenlose Abrechnung"
- Barbara Cuesta
- Katharina Franck
- Barbara Morgenstern: Elektronik-Bastlerin
- Hommage an Nico („Velvet Underground“)
- Tracy Chapman: „Our Bright Future“




