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Refugee Camp

Refugee Patras Bwansi: „Ich möchte willkommen sein, egal ob ich schwul bin oder schwarz oder was auch immer“

Interview mit Patras Bwansi, der sich in seinem Heimatland für Rechte von Homosexuellen eingesetzt hatte. Nach seiner Flucht aus Uganda lebt er jetzt im Refugee-Camp am Oranienplatz

Patras Bwansi, am Refugee Camp in Kreuzberg (c) ma

4.10. – siegessaeule.de: Immer, wenn man dich treffen will, bist du gerade auf einer Demo. Hast du dir deinen Aufenthalt in Deutschland so vorgestellt?
Patras: Ich dachte, ich komme nach Deutschland, und da gibt es die totale Demokratie. Dass das ein friedliches Land ist. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es eigentlich so ähnlich ist wie in Uganda. Da hat man als Schwuler keinen Platz – und hier wird man schon wieder von der Gesellschaft isoliert …

Deutschland ist wie Uganda? Also hier landet zumindest keiner im Gefängnis, bloß weil er schwul ist. Und die Polizei schlägt dich normalerweise nicht zusammen, wenn du für Homorechte auf die Straße gehst …
Okay, das ist ein kleiner Bereich, wo Demokratie funktioniert. Und diese Demokratie funktioniert vor allem für Weiße. Wenn ich hier unterwegs bin, werde ich ständig kontrolliert. Im Zug, im Bus, auf der Straße. „Ihr Ausweis bitte!“. Als Flüchtling wirst du in weit abgelegene Häuser gebracht, quasi in den afrikanischen Busch. Und dort wirst du wie ein Tier mit den anderen in einen Raum gepfercht. Du darfst die Gegend nicht verlassen. Du darfst noch nicht mal selbst bestimmen, was du isst. Was ist das für eine Demokratie?

„Ich will, dass sich mein Leben ändert. Wovor sollte ich mich fürchten?“

Die meisten Flüchtlinge protestieren nicht gegen solche Verhältnisse. Sie fürchten, dass das ihrem Anerkennungsverfahren schaden könnte. Hast du keine Angst?

Ich weiß doch, warum ich hier bin, wieso ich mein Land verlassen habe. Ich will, dass sich mein Leben ändert. Wovor sollte ich mich fürchten? Und denkst du wirklich, dass es sicherer ist, zu schweigen? (lacht) Glaub mir, es ist nicht sicherer, es ist gefährlicher. Einige meiner Freunde, die geschwiegen haben, sind abgeschoben worden. Der Hausmeister sieht dich und sagt „Warte mal!“, und dann kommt die Polizei.


Kennen die anderen Flüchtlinge im Camp deine Geschichte?
Ein paar wissen es. Einige haben gefragt, ob das stimmt, dass ich mich für Homosexuellenrechte eingesetzt habe... ich habe ihnen meistens nicht genau erklärt, wer ich bin. Ich sage, ich bin ein Menschenrechtsaktivist. Die meisten Afrikaner denken halt, dass Schwulsein nicht normal ist.


Woher kommt diese extreme Homosexuellenfeindlichkeit?

Es ist eine traditionelle Gesellschaft. Was dich betrifft, betrifft nicht nur dich, sondern auch deine Familie. Und was deine Familie betrifft, betrifft auch die Familie des Nachbarn. Kennst du deine Nachbarn hier in Berlin?


Na ja, nicht wirklich, da ist so eine ältere Dame…
In Afrika gehst du zu deinem Nachbarn, wenn du ein Huhn brauchst fürs Mittagessen. Oder ein Fahrrad, um irgendwohin zu fahren. Oder irgendetwas anderes. Du bekommst es immer. Umgekehrt handelst du genauso. Man ist viel mehr aufeinander angewiesen. Wenn ein Sohn schwul ist, dann kommt es vor, dass die Eltern sagen: „Das ist nicht mehr unser Sohn, macht mit ihm was ihr wollt.“ Sie würden möglicherweise das gleiche tun, wenn der Sohn ein Auto gestohlen hätte. Er wird weggejagt, weil man glaubt, dass er die Gemeinschaft zerstört.


Wie war das bei dir?

Als die Lage kritischer wurde, haben meine Freunde gesagt, ich solle nicht offen sein, sonst könnte es passieren, dass ich nicht mehr lange lebe. Ich habe dann eine Freundin gefunden, und wir hatten ein Kind. Aber es gab Gerüchte. Mein Onkel ist zu der Familie meiner Freundin gegangen und hat ihnen von mir erzählt. Die wollten dann, dass mein Fall von der Polizei untersucht wird. Das ist einer der Gründe, warum ich beschlossen habe, dass Uganda nicht mehr mein Land ist.


Glaubst du, dass Deutschland dein Land werden könnte?
Seit ich bei der Protestbewegung mitmache, habe ich wirklich viele Freunde hier. Aber ich möchte grundsätzlich überall willkommen sein. Egal ob in Deutschland, in Amerika oder auch in Afrika. Und unabhängig davon, ob ich schwul bin oder schwarz oder was auch immer.
Interview: Markus Anger

 

Infos:

Patras Bwansi (34) kommt aus Uganda. Dort hat er sich für die Rechte von Homosexuellen eingesetzt. Im August 2010 hat er in Deutschland Asyl beantragt. Sein Asylantrag wurde im März 2012 abgelehnt. Seit Oktober 2012 lebt er unter anderem im Protestcamp am Oranienplatz. Im Februar dieses Jahres erhielt er einen Ausweisungsbescheid, der offenbar politisch motiviert ist: Damit soll nach Meinung von UnterstützerInnen ein Exempel an einem der wichtigsten Aktivisten der Flüchtlingsproteste statuiert werden.


Online-Petition gegen die drohende Abschiebung von Patras Bwansi hier bei activism.com 


Die Flüchtlinge im Camp brauchen warme Kleidung, Essen, Tickets für den ÖPNV. Auch Geldspenden sind willkommen: Berlin Refugee Strike, Konto-Nr. 3039606, BLZ 10020500 (Bank für Sozialwirtschaft)


Infos zum Camp hier bei asylstrikeberlin.wordpress.com


 



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