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Berlin

Debatte um Islam und Homosexualität

Ein Austausch zwischen LGBTIs und Muslimen fand gestern im Tagungswerk Jerusalemkirche in Kreuzberg statt

25.11. – Ursprünglich sollte die Diskussion zum Thema „Islam und Homosexualität"  in der Sehitlik-Moschee stattfinden. Doch der Versuch scheiterte. Nach dem Aufschrei in türkischsprachigen Medien, dass Moscheen für „anomale“ Homosexuelle geöffnet würden, hatte der Vorstand die Veranstaltung vorerst abgesagt. Ein Ersatztermin ist noch nicht in Sicht. Und so wurde die Diskussion auf „neutralen Boden“ verlegt, in den Saal des Tagungswerk Jerusalemkirche. Laut den Organisatoren von Leadership Berlin sei dies allerdings nur ein Zwischenschritt und man strebe weiterhin eine Begegnung zwischen muslimischen Gläubigen und der LGBTI-Comunity in Moscheen an.

Die ausgesprochen zahme Diskussion am gestrigen Abend versuchte vor allem die Wogen zu glätten. Über 100 Personen, vornehmlich aus der Community, hatten sich im Tagungswerk eingefunden. Das Grußwort kam von der Berliner Senatorin für Arbeit, Frauen und Integration, Dilek Kolat, die ihrem Bedauern Ausdruck verlieh, dass es zu der geplanten Begegnung in der Moschee nicht gekommen sei und betonte, dass die Vorbehalte türkischsprachiger Medien gegenüber Homosexuellen nicht tolerabel wären. Es dürften keine Widersprüche zwischen Religion und sexueller Identität wie islamisch-lesbisch oder jüdisch-trans* konstruiert werden. Widersprüche, die der anschließende Vortrag von Ender Cetin, dem Vorstandsvorsitzenden der Sehitlik-Moschee, allerdings durchaus erzeugte. Denn Homosexualität ist seinen Worten zufolge im Islam etwas Verbotenes, auch wenn sie im Koran kaum Erwähnung findet. Gute Muslime seien jedoch angehalten, Homosexuellen mit Respekt zu begegnen und sie wegen ihrer Sünde nicht zu diskriminieren. Überhaupt müsse man diese Aspekte sensibel und im Privaten verhandeln. Klare Worte sehen anders aus. In der späteren Diskussion wurde von Cetin zum Beispiel der Vergleich mit einem Alkoholkranken gezogen, dem man wegen seiner Sucht ja auch nicht aus der Gemeinde ausstoßen würde. Er selbst bezeichnete sich dabei als liberal – auf jene, die mit einem liberalen, aufgeklärten Umgang mit dem Islam eher Namen wie den der Frauenrechtlerin Seyran Ates verbinden, mag dies befremdlich wirken.

An der Podiumsdiskussion beteiligten sich neben Cetin auch seine Frau Pinar Cetin, Leiterin der Frauengruppe der Sehitlik-Moschee, Professorin Barbara John, Vorsitzende des Beirats der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, der Geschäftsführer von Leadership Berlin Bernhard Haider sowie Daniel Worat aus dem Vorstand im Völklinger Kreis und die Unternehmerin Sabine Werth. John betonte zu Recht, dass man dem Thema mit Gelassenheit begegnen solle, um die Diskussion nicht dem Geschäft der Scharfmacher zu überlassen. Allerdings herrschte auf dem Podium nicht nur Gelassenheit, sondern man umschiffte weitgehend jede Kontroverse. Stattdessen wurde mantrisch wiederholt, dass noch ein langer Weg zu gehen oder dass Homophobie ein gesellschaftliches Phänomen und auch ein Problem anderer Religionen sei. Doch im Umkehrschluss Probleme einfach schönzureden, scheint kaum eine geeignete Lösung zu sein. Das sah wohl auch das Publikum so, dass in seinen Fragen und Statements deutlich näher an den entscheidenden Konfliktpunkten blieb. So wurde gefragt, wie es mit der öffentlichen Anerkennung von Liebe, von gleichgeschlechtlichen Beziehungen im Islam aussähe. Homosexuelle Muslime und Muslimas sehen sich oft gezwungen, eine Lüge zu leben. Wie sieht der Umgang mit Trans*Menschen aus, wie werden mit der Religion verbundene Machtstrukturen missbraucht und dadurch konkrete Gewalt gegenüber LGBTIs erzeugt? Gerade Ender Cetins Antworten blieben dabei schwammig oder verloren sich in auf Homophobie beruhenden Vergleichen. Auch Ates wurde von einer Person aus dem Publikum zitiert und ihre berühmte Forderung nach einer sexuellen Revolution im Islam. Wie notwendig diese ist, zeigte auch die gestrige Veranstaltung. Ebenso unterstrichen wurde die Dringlichkeit eines Dialogs, der gerade mit Hinblick auf die Situation muslimischer Jugendlicher bzw. einer jungen Generation unbedingt fortgesetzt werden muss. 

as



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