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Ratgeber

Safer Sex ohne Geschlechtergrenzen

Die Sexualpädagogin Daniela Stegemann hat das erste Safer Sex Handbuch geschrieben, das ohne Geschlechterzuweisungen auskommt. SIEGESSÄULE.DE sprach mit ihr

Daniela Stegemann arbeitet als Sexualpädagogin in Berlin © daniela-stegemann.de

22.04. – Daniela, wenn man an die zahlreichen Safer-Sex-Kampagnen der 80er und 90er Jahre zurückdenkt, kommt man nicht unbedingt auf die Idee, es könne aktuell Marktlücken in Sachen Safer Sex geben, doch du hast eine entdeckt und gerade ein Safer-Sex-Handbuch herausgegeben …
Es gibt zwar sehr viele Ratgeber zu Safer Sex, aber die haben alle einen sehr ähnlichen Fokus. Es gibt noch kein Safer-Sex-Handbuch, das unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung ist und trans* mitdenkt. Häufig liegt der Fokus auf STIs und es geht nicht um die konkrete Praxis. In meiner Arbeit als Sexualpädagogin haben die Leute, besonders die Erwachsenen, oft ziemlich explizite Fragen und die werden in der bestehenden Literatur nicht wirklich beantwortet. Besonders in Bezug auf Übertragung von STIs gibt es viele Unklarheiten. Die ganzen HIV Kampagnen arbeiten viel mit Blut, die meisten STIs werden aber viel schneller übertragen als HIV, bei manchen STIs reicht es wenn Geschwüre berührt werden und das war den Leuten überhaupt nicht klar.

Ist das der Grund warum du in deinem Buch relativ wenig Unterschiede zwischen den verschiedenen Infektionen machst?
Ich mache so gut wie gar keine Unterschiede. Da habe ich den Ansatz, dass die Leute ganz alltagspraktisch beim Sex keine Checkliste haben und überlegen, „Herpes würde ich in Kauf nehmen, den Tripper eher nicht…“ und dann ihre Sexualpraktiken darauf abstimmen. Und es gibt auch gar nicht genug Studien zu Übertragungswegen und die Materialien, die es gibt, widersprechen sich teilweise, zum Beispiel bei Chlamydien. Das ist die am häufigsten sexuell übertragene Krankheit in Deutschland, aber da gibt es viel Unwissenheit, wie sich das genau überträgt. Ich habe also entschieden, dass ich dazu keine detaillierten Auskünfte gebe, eben weil ich mein Handbuch als Ergänzung zum bisherigen Material sehe und definitiv nicht als Ersatz. Es beantwortet Fragen, die bisher noch nicht beantwortet wurden und denkt Menschen mit, die bisher noch nicht mitgedacht wurden. Dass zum Beispiel Menschen, die bisexuell sind, nicht mehr zwei Infobroschüren lesen müssen, war eins meiner Hauptanliegen. Es ist allerdings schon so, dass es von einem gewissen Basiswissen ausgeht.

Du betonst, dass sich das Buch primär an Erwachsene richtet, warum nicht auch an Jugendliche? Aus meiner praktischen Erfahrung kann ich sagen, aufgeklärte Erwachsene helfen auch Jugendlichen. Hätte ich das Handbuch aber für Jugendliche geschrieben, wäre es komplett anders. Es ist tatsächlich so, dass Erwachsene bei Aufklärungs- und Informationsmaterialien zu Sex immer an Jugendliche denken und nie an sich selber. Hätte ich das also nicht drauf geschrieben, hätten sich Erwachsene gar nicht angesprochen gefühlt, dabei können sie selbst viele Fragen gar nicht beantworten.

Es gibt aktuell einen rechtskonservativen Backlash gegen Sexualaufklärung im Allgemeinen – beeinflusst das deine Arbeit?
In Bezug auf das Handbuch beeinflusst der Backlash mich eigentlich nicht. In meiner Arbeit als Sexualpädagogin kann ich sagen, dass es zu wichtigen Diskussionen führt, die ich total begrüße. Allgemein denke ich nicht, dass die Gesellschaft gerade besonders anders über Sexualpädagogik denkt. Eher dass manche Meinungen sich Raum suchen und beispielsweise Homophobie, Sexismus und Heteronormativität salonfähig wie lange nicht sind. Aber vielleicht gehört Widerstand zum Veränderungsprozess hin zu einer vielfaltsbewussten Gesellschaft dazu? Ängste sind wichtig und brauchen Aufmerksamkeit, aber ihnen sollte mit dem Ansatz der vorurteilsbewussten Bildung begegnet werden. Gleichzeitig ist es Zeit, mehr Transparenz in sexualpädagogisches Arbeiten zu bringen. Ich glaube die fehlt oft und das muss sich ändern.

Interview: Katrin Kämpf

Daniela Stegemann: Safer Sex – und wie machst du das so? praktisch. sicherer. sexy. Ein Handbuch. 38 Seiten, 1€ Schutzgebühr

Bezugsquellen in Berlin:

Schwules Museum*, Prinz Eisenherz, Lesbenberatung, Other Nature, Familienplanungszentrum Balance, Sexclusivitäten, Silver Future, K-Fetisch.

Auch erhältlich unter daniela-stegemann.de/projekte/safer-sex-handbuch



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