Siegessäule - NEWS/COMMENTS

PROTEST

Reiht euch in die Demo ein!

5.000 werden zum christlich-fundamentalistischen „Marsch für das Leben“ am 19.09. erwartet. Silke Stöckle vom Bündnis Sexuelle Selbstbestimmung erklärt, warum das auch „die Szene“ angeht

(c) privat

15.09. – SIEGESSÄULE: Ihr veranstaltet jedes Jahr den Gegenprotest zum „Marsch für das Leben“. Wer sind diese „LebensschützerInnen“, was wollen die – und warum sind die gefährlich? Stöckle: Beim sogenannten „Marsch für das Leben“ versammeln sich einige tausend Menschen, die ein reaktionäres Gesellschafts- und Familienbild vertreten. Die „heilige“ heterosexuelle Familie soll wieder aufleben und als Norm durchgesetzt werden. Frauen soll ihre Selbstbestimmung genommen und die klassische Rollenzuschreibung wieder aufgezwungen werden. Das drückt sich in der Kernforderung aus, Abtreibungen generell zu verbieten. Das entlarvt die Bezeichnung „Lebensschützer“ als heuchlerisches Täuschungsmanöver. Wenn Schwangerschaftsabbrüche legal nicht mehr möglich sind, ist das Leben von Frauen real in Gefahr. Das zeigt die Realität in vielen Ländern, in denen illegal abgetrieben werden muss. Die Bewegung setzt sich zusammen aus christlich-fundamentalistischen Gruppierungen wie dem Opus Dei, der Evangelischen Allianz in Deutschland und vielen anderen. In den Organisationsstrukturen finden sich auch Leute von der Alternative für Deutschland (AfD), die in letzter Zeit einen Rechtsruck durchlaufen hat. Insgesamt ist die Bewegung zutiefst reaktionär, frauenfeindlich und homophob ausgerichtet. In deren Vorstellung von Gesellschaft haben Homo- und Transsexuelle nichts verloren.

„Leben und Lieben ohne Bevormundung“ setzt ihr dem entgegen. Ihr betont, dass es ein Menschenrecht auf sexuelle Selbstbestimmung gibt. Was versteht ihr darunter? Beim Themenfeld Schwangerschaftsabbruch heißt das, dass Frauen selbst über ihren Körper entscheiden können sollen, dass sie selbst entscheiden können, ob sie eine Schwangerschaft zu Ende bringen oder nicht. Es ist unfassbar, dass Schwangerschaftsabbruch noch immer im Strafgesetzbuch steht, also grundsätzlich unter Strafe steht. Wir setzen uns darüber hinaus für sexuelle Vielfalt ein – jede und jeder soll so leben und lieben können wie sie/er mag. Deshalb stehen wir auch für Selbstbestimmung und Aufklärung über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ein.

„Da ist eine wachsende Bewegung, die einen gesellschaftlichen und kulturellen Backlash anstrebt“

Was sind eure Hauptforderungen? Wir fordern den Paragraphen 218 abzuschaffen, den kostenfreien Zugang zur „Pille danach“, umfassende Sexualaufklärung und dass die unterschiedlichen Lebensentwürfe gleichberechtigt gelebt werden können und darin staatlich gefördert und unterstützt werden.

Neu ist die Unterstützung durch das Bündnis „Vielfalt statt Einfalt“. Wie kam es dazu? Zum einen gibt es personelle Überschneidungen, einige Personen und Organisationen sind schon länger in beiden Bündnissen aktiv, wie der LSVD zum Beispiel. Zudem sind beide Bündnisse mit der gleichen Gegnerschaft konfrontiert. Gegen einen Schullehrplan, der Homo-, Inter- und Transsexualität beinhaltet, gehen ja exakt dieselben Gruppierungen auf die Straße wie man sie hier beim „Marsch“ antrifft. Bundesweit gibt es einige Regionalgruppen von „Vielfalt  statt  Einfalt“, die sehr erfolgreiche Proteste gegen die Demos der sogenannten „besorgten Eltern“ – wir nennen sie gern  besorgniserregende Eltern (lacht) – organisiert haben. Wie vorher in  München haben darum auch in Berlin diese ihre geplante Demo im Juli gleich abgesagt. Daher bringt sich das Bündnis jetzt am 19. September in Berlin mit ein und ruft mit uns zum Protest gegen die „Lebensschützer“ auf. 

Jedes Jahr sind auch etliche Lesben, Transgender und Schwule auf den Gegenprotesten zu sehen ... Ja, aber ich glaube, dass der „Marsch für das Leben“ insgesamt noch nicht ernst genug genommen wird. Man muss es so deutlich sagen: Da ist eine wachsende Bewegung, die einen gesellschaftlichen und kulturellen Backlash anstrebt. Der ist zwar noch nicht für alle spürbar, aber gerade die LGBTI-Szene ist doch dafür sensibilisiert zu wissen, wann es Zeit wird, auf die Straße zu gehen um die erkämpften Rechte zu verteidigen. Und das ist jetzt! Der „Marsch für das Leben“ hat immerhin bereits sein 10-Jähriges hinter sich und ist im vergangenen Jahr auf 5.000 TeilnehmerInnen angewachsen.

Interview: Melanie Götz

Bündnis Sexuelle Selbstbestimmung, Aktionstag „Leben und Lieben ohne Bevormundung“: Sa., 19.09. ab 11:30 Brandenburger Tor

www.sexuelle-selbstbestimmung.de



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