Bewegungsmelder

Der aufhaltsame Aufstieg der AfD

20. März 2016
Dirk Ludigs @ Tanja Schnitzler

Die Ideen der AfD sind eine Bedrohung für die Freiheit von Schwulen und Lesben. Vom Wegsehen allein wird sie nicht weggehen

Zwei Zahlen beunruhigen mich, wenn ich an die Konsequenzen für die LGBT-Welt denke, die sich aus den Wahlerfolgen der AfD vor einer Woche ergeben. Zwei Umfrage-Ergebnisse, die beide nicht repräsentativ sind, aber sie spiegeln Stimmungen, die zusammen bedrohlicher nicht sein könnten.

Die eine: 61 Prozent der Leser*innen eines queeren Online-Magazins glauben, die AfD werde sich nicht dauerhaft in Deutschland etablieren. Ich halte das für einen gefährlichen Irrtum. Denn nicht erst mit dem Eintreffen der Kriegsflüchtlinge, sondern schon seit Beginn des Jahrzehnts erleben wir in der Bundesrepublik einen so nie dagewesenen Schulterschluss im rechten Spektrum. Christliche Fundamentalisten, katholisch und evangelikal, Besorgte Eltern, Demo für alle, Reichsbürger, Identitäre und intellektuelle Vordenker der Neuen Rechten mit ihren Publikationen wie Compact, der Jungen Freiheit oder die Autor*innen des Kopp-Verlags, sie alle finden mit der AfD nun ein politisches Sammelbecken. Der Politologe Klaus Vater bemerkt völlig richtig: „Jetzt erhalten die eine praktisch-politische Perspektive. Wann denn wenn nicht jetzt drängen die in die Politik?“

Sie sind schon längst dabei. Wir haben es also nicht, wie Heiner Geißler immer noch glaubt, mit einem Haufen tumber Nazis wie in den späten Sechzigern zu tun, die sich in der parlamentarischen Arbeit von ganz alleine zerlegen. Es war ein seltener Moment der Selbsterkenntnis aus der Innensicht, als der ehemalige AfD–Vize Olaf Henkel schon im November des vergangenen Jahres konstatierte: „Es macht mir Kummer, dass ich mitgeholfen habe, ein richtiges Monster zu erschaffen.“

Ausgerüstet mit den Millionen aus der Wahlkampferstattung wird das Monster den Kampf gegen die verhasste liberale Gesellschaftsordnung auf einem ganz anderen Niveau weiterführen können als bisher. Die beiden Hauptfeinde sind dabei schon ausgemacht: Der Islam und die „Gender-Ideologie“, womit vor allem der Kampf gegen eine Sexualkunde der Vielfalt an den Schulen gemeint ist. Beim Thema Ehe Für Alle fühlt man sich Seit an Seit mit der CDU ja sowieso schon auf der Siegerstraße. Mit einem Einzug der AfD in den Bundestag 2017 rückt die rechtliche Gleichstellung von Lesben und Schwule in weite, sehr weite Ferne.

Die zweite Zahl, die mir große Sorgen macht, sind die unglaublichen 17 Prozent AfD-Sympathisanten in einer Leserbefragung eines schwulen Magazins. Auch wenn sie ebenso wenig repräsentativ ist, zeigt sie sehr deutlich, wie sehr Rassismus im allgemeinen und antimuslimischer im besonderen auch unter schwulen Männern verfängt. Offensichtlich so sehr, dass die eigene Bedrohung durch eine Ideologie, die sich in gleichem Maße gegen die Gleichberechtigung sexueller Minderheiten richtet, großzügig übersehen wird – und mehr als das: Sie wird in einem Akt der Unterwerfung gerechtfertigt.

So wie vergangenen Dienstag. Auch wenn die Lesbe im AfD-Bundesvorstand, Alice Weidel, sicherlich eine Ausnahmeerscheinung in der AfD von heute ist, weil sie als ehemalige Liberale und erfolgreiche Unternehmerin noch aus der alten Lucke-Garde stammt, so war doch ihr etwas hilfloser Versuch bei Maischberger zu erklären, warum die Ablehnung der Ehe für Alle keine Diskriminierung sei, in einem typisch: Es gibt offensichtlich eine nicht zu unterschätzende Bereitschaft in Teilen der LGBT-Welt, angesichts einer herbeifantasierten Bedrohung die eigene Diskriminierung als zweitrangig, im Grunde als „privates Problem“ zu betrachten. Das ist tatsächlich der Rückfall in die Zeiten vor Stonewall. Das ist massiv.

Was also ist zu tun, wenn die AfD und mit ihr die Bedrohung der offenen Gesellschaft durch einen immer besser organisierten, finanziell immer besser ausgestatteten traditionalistisch-identitären Rechtspopulismus nicht mehr weggeht und ein nicht zu vernachlässigender Teil bürgerlicher Schwulen und Lesben zumindest mit Teilen seiner Ideen sympathisiert? Auch da bin ich mit Klaus Vater einer Meinung: Das Wachrütteln der gesamten Zivilgesellschaft, auch in den eigenen Reihen, ist das Gebot der Stunde. Wir brauchen in der LGBT-Community endlich eine Kampagne gegen Rassismus, so wie der Fußball das immerhin seit Jahren vormacht.

Wir müssen viel stärker über Bildungspläne aufklären, damit die Lügen über eine angebliche „Frühsexualisierung von Kindern“ nicht länger selbst in FDP-Kreisen verfangen, wie das in der Vergangenheit leider geschehen ist. Und wir brauchen den Schulterschluss mit allen anderen gesellschaftlichen Gruppen, die in ähnlicher Weise vom Erstarken des Rechtspopulismus bedroht sind. Es ist noch nicht fünf vor zwölf. Aber es ist Zeit aufzuwachen und Stellung zu beziehen. Fortschritt ist nicht unumkehrbar, die deutsche Geschichte liefert leider den Beweis.

Dirk Ludigs

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