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Was macht eigentlich Dries Verhoeven?

Dries Verhoevens Kunstprojekt „Wanna Play?“ geriet 2014 zum Skandal. SIEGESSÄULE wollte wissen, was der niederländische Künstler heute über die Aktion und die Reaktionen darauf denkt

Dries Verhoeven, bildender Künstler und Performance Artist © Marijn Smulders

05.11.16 – Im Oktober 2014 erschütterte ein Kunstskandal die queere Community: Über Grindr unterhielt sich der niederländische Künstler Dries Verhoeven mit schwulen Männern und projizierte ohne deren Wissen die Chats an die Wand eines Glascontainers am Heinrichplatz, wo sie Passanten lesen konnten. Es ging ihm darum, das Verschwinden der Homosexualität aus dem öffentlichen Raum zu thematisieren. Doch die Aktion wurde unter wütendem Proteststurm abgebrochen. Wir haben den Künstler befragt, was er heute über sein Projekt denkt

Deine Kunst benutzt das Mittel der Provokation, um Kontroversen anzuregen. Würdest du sagen, dass „Wanna Play?“ aus dieser Sicht heraus ein Erfolg war? Beim Aufbau dieser Arbeit habe ich einige riesige Fehler gemacht. Deshalb wäre es etwas zynisch, sie als Erfolg zu bezeichnen. Aber der damalige Aufschrei hat einige interessante Haltungen offenbart. Zum Beispiel die Auffassung vieler, dass das Internet noch ein privater Ort sei. Ich habe das Gefühl, dass jetzt, wo wir mit dem Internet einen Ort haben, in dem wir uns sexuell austoben können, das öffentliche Leben immer prüder wird. Welchen Einfluss das auf die Sichtbarkeit der LGBT-Community hat, finde ich nach wie vor eine wichtige Frage.

Hat sich deine Sicht auf das Projekt im Laufe der Zeit verändert? Oh ja, mehrere Male. Gerade als ich überzeugt war, Berlins größtes Arschloch zu sein, bin ich auf Leute und Artikel gestoßen, die die Arbeit in einem anderen Licht gesehen haben. Ich denke immer noch, dass es gerechtfertigt sein kann, Chats ohne gegenseitiges Einverständnis zu verwenden. Bei jeder dokumentarischen Kunstform ist das notwendig, um die Welt authentisch abzubilden. Aber offensichtlich verlangt das auch, die Anonymität derjenigen zu garantieren, die involviert sind. Alles in allem kann man sagen, dass diese Tage in 2014 ein Crashtest waren, gerade für die Haltung der Community zur Online-Welt. 2015 habe ich „Wanna Play?“ nach einigen Anpassungen in den Niederlanden gezeigt. Die Öffentlichkeit dort war nicht auf die Aspekte der Privatsphäre fokussiert, sondern auf Fragen der Intimität, also wie unser digitales Alter Ego unsere „analogen“ Bedürfnisse unterstützt.

Hast du das Gefühl, dass die Leute aus der Community deine Entschuldigungen und Erklärungen akzeptiert haben? Der Aufruhr, der 2014 um das Projekt entstand, verwandelte sich zunehmend in etwas Groteskes. Einige beteiligten sich an dem Spektakel der Empörung ohne sich vorher mit den Fakten auseinanderzusetzen. Aber ich denke, dass viele von ihnen heute einen anderen, differenzierteren Blick darauf haben. 

Im September ist Gina-Lisa Lohfink in einer deiner Performances aufgetreten. Was steckt dahinter? In den öffentlichen Debatten herrscht gerade eine gewisse Weltuntergangsstimmung. Um das zu thematisieren, habe ich in einer Wiesbadener Kirche Beerdigungen organisiert, bei der zehn Tage lang angeblich untergegangene Werte zu Grabe getragen wurden: Die „Multikulti-Gesellschaft“ oder der „Sozialstaat“. Für die Beerdigung von „unserer Privatsphäre“ habe ich Gina-Lisa Lohfink gebeten, die Trauerrede zu halten.

Die öffentliche Reaktion war ein amüsiertes Erstaunen, dass ausgerechnet jemand wie sie offiziell um den Verlust ihrer Privatsphäre trauert. Es fühlte sich so an, als sei die heimliche Geliebte eines Verstorbenen plötzlich in die Kirche getreten: Sie wirkte völlig deplatziert. Ich suche immer nach Möglichkeiten, übliche Denkmuster zu durchbrechen. „Privatsphäre“ ist so etwas wie eine heilige Kuh in Deutschland. Das Erscheinen von Gina-Lisa warf die Frage auf, ob wir allen das gleiche Recht auf Privatheit zugestehen, einschließlich der Pädophilen, der Terror-Verdächtigen und der PR-geilen Promis.

Was sind deine nächsten Projekte? Zur Zeit bin ich auf Tour mit der Video-Instellation „Guilty Landscapes“, in der wir eine Verbindung zwischen den Besuchern und Besucherinnen der Ausstellung und den Menschen aus den Nachrichtenbildern, die wir alltäglich konsumieren, herstellen. Man betrachtet ein Video, zum Beispiel das eines chinesischen Fabrikarbeiters, doch plötzlich beginnt der Mensch auf der Leinwand mit den Bewegungen des Betrachters und der Betrachterin zu interagieren und darauf zu antworten. Das Video wird zur Realität ...

Interview: Carsten Bauhaus



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