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COMING-OUT 2

Die Diskussion um Thomas Hitzlsperger geht weiter. Ein Kommentar von Siegessäule-Chefredakteur Jan Noll

Am Tag zwei der Debatte erklärt Siegessäule Chefredakteur Jan Noll, warum trotz aller Euphorie um dieses Coming-out auch Kritik angebracht ist

9.1. – Ex-Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger hatte sein Coming-out. Das dürfte mittlerweile auch hinter den sieben Bergen angekommen sein, denn breit schwappte gestern der Medien-Tsunami über die Nation. Ohne Frage ist das Bekenntnis des ehemaligen Profikickers ein wichtiger und weitreichender Schritt auf dem langen Weg in Richtung Akzeptanz vom Homosexuellen im Profisport. Dennoch hinterlässt das bei YouTube zum Thema bereitgestellte Interview mit Hitzlsperger einen faden Beigeschmack, zeigt es doch deutlich, wie nachhaltig seine Statements zum eigenen Schwulsein von Angst und Vorsicht geprägt sind.

Auf die Frage, warum er nicht während seiner aktiven Zeit aus dem Schrank gekommen wäre, verliert er sich entsprechend in schwammigen Erläuterungen über seine extrem lange währende Identitätsfindung. Ob dem wirklich so war, ist spekulativ und spielt hier tatsächlich eine untergeordnete Rolle. Wichtig wäre an dieser Stelle einfach ein ganz anderes Statement gewesen: ein schwules Coming-out im Profifußball ist nach wie vor kein Sonntagsspaziergang, sondern vielmehr ein Spießrutenlauf. Hitzlsperger marginalisiert diese Realität und Schwulenfeindlichkeit ganz generell gleich mit: wenn die homophoben Witze in seinem Umfeld gut gewesen wären, habe er auch mitlachen können. Was soll das? Der gute Homo schweigt und genießt die subtile Diskriminierung durch sein Umfeld, solange wenigstens die Pointe stimmt?


Hitzlsperger verpackt das Thema in phobikerfreundliche Watte, anstatt mal ordentlich auf den Tisch zu hauen

Hitzlsperger verpackt das Thema in phobikerfreundliche Watte, anstatt mal ordentlich auf den Tisch zu hauen. Da klang er in einem Interview mit Zeit Online im September 2012 schon mal anders: nach einem Coming-out im Profifußball „wäre der sportliche Worst Case möglich: das Karriereende.“ Von all dem ist plötzlich keine Rede mehr. Natürlich habe er sich auch während seiner Karriere zum Schwulsein bekennen können, es habe bei ihm aber „eben etwas länger gedauert“. Eine unfassbar gute Gelegenheit, Homophobie im Profisport schonungslos und in aller Deutlichkeit zu benennen, ist verstrichen. Da wirkt es schon fast ironisch, wenn er gegen Ende des Interviews konstatiert, junge Schwule könnten durch ihn sehen, dass man homosexuell und erfolgreicher Profifußballer sein könne, denn leider ist das Gegenteil der Fall: An Hitzlspergers Coming-out kann man sehen, dass man derzeit noch aus Angst vor Diskriminierung warten muss, bis die Karriere vorbei ist. Das schmälert nicht die Relevanz seines mutigen Schritts an die Öffentlichkeit, zeigt aber, dass wir noch einen langen Weg zu gehen haben.

Jan Noll








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