Politik

New Kids on the Block

15. Feb. 2014
Kommt wieder zu Ehren: Die Regenbogen-Flagge (c) Guido Woller

„Enough is Enough“ mischt erneut die etablierte Berliner Homowelt auf. Und Bewegung gibt es nicht nur in Berlin ... Eine Standortbestimmung von Christian Mentz

Das Knirschen im Gebälk der bemühten Bewegungshüter ist unüberhörbar: Schon zum zweiten Mal hat die Guppe „Enough is Enough“ mit der Rainbow-Flame einen Coup gelandet, vorbei an den bekannten Playern wie LSVD, Queer Amnesty und den LSBTI-Gruppen der Parteien. Das bringt Unruhe in die ehrenwerte, aber auch saturierte queere Bewegungswelt in Berlin. Die vielen Initiativen, Parteien und queeren Organisationen, der LSVD als größte unter ihnen, sind seit Jahren aufeinander eingespielt. Von kleineren und ritualisierten Querelen abgesehen ist das System austariert – ist da noch Platz für etwas Neues? Offensichtlich ja, Enough is Enough gelang im bereits im August 2013, was viele Bewegungsveteranen schon für unmöglich hielten: rund 7.000 Leute auf die Straße zu bringen, die in Berlin gemeinsam gegen Wladimir Putins Homopropaganda-Gesetz demonstrierten. Nun die Rainbow-Flame – etwa 1.000 Besucherinnen kamen am Sotschi-Eröffnungstag (7. Februar) auf den Potsdamer Platz, um bei ihrer Entzündung dabeizusein. Einige Hundert Meter entfernt, hatte der LSVD aus dem gleichen Anlass zeitgleich zur Demo vor dem Brandenburger Tor aufgerufen, hier kamen etwa 500 TeilnehmerInnen.


Der richtige Sound plus die Infrastruktur wären ideal 

Es geht nicht um kleinliches BesucherInnen-Aufrechnen, aber lag der Gedanke schon länger in der Luft, am 7.2. um 17 Uhr wurde er immer drängender: Warum tun sich Enough is Enough und LSVD nicht zusammen? Die einen haben offensichtlich gerade den besseren Dreh, die Community anzusprechen: die richtige Symbolik, den richtigen Sound. Die anderen die Infrastruktur, das in Jahrzehnten gewachsene, etablierte Netzwerk. Zwei Demos zum gleichen Zeitpunkt, zum gleichen Thema, das sah nach einem Gegeneinander aus. Ein erster Schritt zur Gemeinsamkeit wurde getan: Die Demo vom Brandenburger Tor zog nach einer Schweigeminute vor der russischen Botschaft weiter zum Potsdamer Platz und vereinigte sich dort mit Enough is Enough. Die Flame wiederum wurde etwas später als geplant entzündet, damit die LSVD-Demo noch Zeit hatte, sich anzuschließen.


Wer nun die Community besser vertritt war das Diskussionsthema der letzten Wochen – die Newcomer oder die Alteingesessenen? Eines sollte man dabei nicht vergessen: Während Enough is Enough punktuell und überzeugend mit Aktionen auftritt, die dann die Aufmerksamkeit binden, machen die Routiniers etwa vom LSVD die tägliche, oft weniger glamouröse Arbeit. Sie sind das ganze Jahr über Ansprechpartner für Schwule, Lesben und Trans*, für Politik und Medien. Sie organisieren Kongresse, klären an Schulen auf, bieten juristische Hilfe, publizieren Studien, mischen sich in die Tagespolitik ein. All das wird schnell übersehen, wenn die new kids on the block aufspielen. Ihr  Glamour und ihre Begeisterungsfähigkeit plus die unverzichtbare Arbeit der großen Player – das wäre ideal. Doch das würde unsere ausdifferenzierte Vielfalt bedrohen, fürchten viele. Manchmal allerdings sind einfache Bilder und Botschaften notwendig, um Ziele zu erreichen – und das Ziel sollte immer noch sein, LSBTI – egal wo – das Leben wenigstens erträglicher zu machen.


Die Anti-Gay-Lobby hat viele Gesichter

Putin ist so ein einfaches Bild, eine weltweite Anti-Gay-Ikone geworden. Auf deren „Hässlichkeit“ im moralischen Sinne sich alle einigen können. Dabei findet eine Simplifizierung statt, denn Bewegungen brauchen einfache Symbole. So eine Vereinfachung birgt aber auch Gefahren – hinter dem big picture Putin gerät schnell vieles aus dem Blick, etwa das, was sich vor unserer Haustür anspielt. Beispiel: Momentan bildet sich in Baden-Württemberg eine reaktionäre Bewegung, die die LSBTI-Aufklärung an Schulen als Homosexualisierung der Kinder verhindern will. Die Argumente ähneln denen aus Russland: Homos greifen nach unseren Kindern, damit zersetzen sie unsere Gesellschaft. Schwule und Lesben als Teufel, die unsere Welt zerstören. Härter geht es eigentlich nicht mehr. Dass die meisten sexuellen Missbräuche von Kindern heterosexueller Natur sind und im Umfeld der heiligen heterosexuellen Familie geschehen – das spielt bei derartigen Massenpsychosen keine Rolle. Russische Argumente im Ländle Baden-Württemberg, als ein Beispiel von vielen. Es gilt, neben der übergroßen Fratze Putin nicht den Rest zu vergessen. Die Anti-Gay-Lobby hat viele Gesichter.

Von so viel Beachtung können AktivistInnen in anderen Weltregionen nur träumen

Es bleibt ein ungelöstes Problem, dass sich in Deutschland, aber auch weltweit, die queere Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf Russland fokussiert. Weltgegenden wie Teile Afrikas oder des Nahen Osten werden zwar mit Bedauern als für Homosexuelle noch toxischer als Russland erkannt – von einem europäischen Aufstand wie dem aktuellen gegen Putin können die dortigen AktivistInnen, die auch bei uns immer wieder nach Unterstützung suchen, nur träumen. Viele hochrangige PolitikerInnen haben sich entschieden, aufgrund der menschenrechtlichen Situation, besonders in Hinblick auf den staatlichen Umgang mit Homosexuellen, die Olympischen Spiele zu boykottieren. Ob ein Boykott richtig oder falsch ist, sei dahingestellt – es geht darum, dass das Thema „Menschenrechte in Russland“ in Europa die hohe Politik erreicht und damit in der gesamten Gesellschaft wahrgenommen wird. Gründe für dieses Aufmerksamkeitsungleichgewicht bieten sich viele an: historisch gewachsene Nähe, der aktuelle Anlass der Olympischen Spiele. Doch das ist Kaffeesatzleserei. Man kann damit afrikanischen AktivistInnen nicht erklären, warum ihr Kontinent uns weniger interessiert. Wir sind uns ja noch nicht einmal sicher, ob es das überhaupt sollte – die einen sehen jede menschenrechtliche Einmischung als mentale Re-Kolonialisierung, die anderen zweifeln angesichts der schieren Masse dessen, was zu tun wäre.

Brauchen wir eine Lobby – für Homos? Die Gegenseite hat ihre längst

Das ist auch redaktioneller Alltag in der Siegessäule: Manchmal ertrinken wir fast an nationalen und internationalen Bitten um mediale und persönliche Unterstützung, von Einzelschicksalen über kleinere Initiativen bis hin zu großen Projekten. Auf zur nächsten streitbehafteten Debatte: Brauchen wir eine Homolobby, eine Institution, die die Flut an nationalen und internationalen Herausforderungen bündelt, bewältigt? Ältere Bewegungsschwestern winken müde ab: Die Diskussion führe man seit Jahren, ohne Ergebnisse. Außerdem sei es doch gut, wie es ist: unzählige kleinere oder größere Arbeitskreise, Initiativen, NGOs spiegelten eben die Vielfalt der Szene wieder. Wie diese Vielfalt allerdings miteinander diskutiert und streitet, läuft eher nach dem Motto „Granate auf die Gegenseite werfen und wieder in den Graben ducken“. Vielfalt klingt schön, wird aber ohne ein Miteinander schnell hässlich. Sie beruht dann nämlich auf dem Satz „Ich hab Recht und du bist total daneben.“ Eindrücklich an den aktuellen Debatten rund um den CSD zu beobachten. Der CSD-Verein denkt öffentlich wahrnehmbar über eine Namensänderung der Parade nach, und sofort werden Brandbriefe geschrieben, wird zurückbeleidigt, kurz: Stacheldraht und Grabenschaufel ausgepackt.


Warum gibt es kein Homo-Ministerium?

Vielleicht geht das ja nicht anders, nicht in einer Stadt wie Berlin, wo man schon seinen Kiez wie ein Glaubensbekenntnis vor sich herträgt. Die Grabenkämpfe sind allerdings kraftraubend. Warum nicht etwas mehr Gemeinsamkeit? Eine Homolobby hieße ja nicht, dass „muskelbepackte Pinkhemden mit Regenbogenfahnen und Wunderkerzen bewaffnet in Glitzerstiefeln durchs Brandenburger Tor“ marschieren – wie Dirk Ludigs es so wunderbar auf siegessaeule.de schrieb. Sondern zum Beispiel das Angehen der Frage: Warum gibt es kein Homo-Ministerium? Lachhaft? Gleichstellung von Frauen ist erst seit den 80er Jahren wirklich ein Thema in der Politik und ministeriell verankert. Diesem Ministerium, vollständiger Titel „Bundesministerium für Familie, Frauen und Jugend“ sind homosexuelle Belange zugeordnet. Auf der Webseite muss man allerdings lange suchen. Die Suchbegriffe „schwul“, „lesbisch“, „homosexuell“ führen zu insgesamt null Treffern. Eine angemessene, politische Vertretung der je nach Schätzung zwischen 4 und 17 Prozent von Homosexuellen in der Bevölkerung sieht anders aus.

Welchen Platz wir einnehmen, ist noch lange nicht klar

So eine politische Verankerung und Ausgestaltung könnte dann auch die Ressourcen haben, nicht nur nationale, sondern international die menschenrechtspolitische Arbeit voranzutreiben. Weltweit erleben wir Allianzen gegen LSBTI. Putin rüstet seine Bevölkerung mental auf, in den USA geben christliche FundamentalistInnen den Homos die Schuld an Kriegen und Sturmfluten und sind erfolgreich damit. In Teilen Afrikas und des nahen Ostens ist es lebensgefährlich, schwul zu sein.


Wie man an Baden-Württemberg sieht, wie am großen medialen und gesellschaftlichen Interesse am Coming-Out von Thomas Hitzlsperger, wie der große Erfolg von Enough is Enough belegt: Die Frage, welchen Platz Homosexuelle in der Gesellschaft einnehmen sollen oder dürfen, ist noch lange nicht durch. Und in der Jetztzeit ist das die Frage nach der Homo-Lobby. Und wir sollten die Kräfte bündeln und dabeisein statt Grabenkämpfe zu führen. Statt sich in szeneinternen linguistischen Debatten zu verzetteln, ob man nun Homos oder LSBTI zu schreiben hat – könnte man sich auch begeistern lassen. Die „Gegenseite“ nämlich, ob hierzulande oder international, hat eine ziemlich einfach strukturierte Agenda: No Homo, please. Diese Lobby ist sehr stark – was setzen wir ihr entgegen?  Viele Heteros übrigens haben lange verstanden, dass es beim Protest auch um ihre schwulen und lesbischen Freunde geht. Und gehen deshalb mit auf die Straße.
Christian Mentz

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