Russland

Russland im nationalen Freudentaumel – wie ändert das die Lage für LGBTI*?

21. März 2014
Foto bereitgestellt von Quarteera

21.3. – Wanja, große Teile der russischen Bevölkerung scheinen sich durch den Krim-Anschluss in einem nationalen Freudentaumel, einer Putinmania zu befinden. Beeinflusst das auch die Atmosphäre für LGBTI? Putins ablehnende Haltung gegenüber LGBTI* ist ja bekannt.

Erst einmal scheint es so, dass die LGBTI* jetzt nicht mehr wie zuvor im Mittelpunkt stehen, weil Putin ein neues Spielzeug hat. Doch die Aggressionsbereitschaft steigt weiterhin.

Im Rahmen von Sotschi war das Thema LGBTI* also auch in Russland sehr zentral oder ist das nur unsere Wahrnehmung aus dem Ausland?

Doch, das war auch mein Eindruck. Staatliche Propaganda gegen LGBTI* war seit ein, zwei Jahren in den Mittelpunkt gerückt, als ein Teil der Verfolgung von Andersdenkenden. Viele NGOs oder Oppositionsgruppen, die aus dem Ausland finanziert werden, wurden nach dem neuen Gesetz als sogenannte ausländische Agenten gebrandmarkt. Nun hat sich der Fokus von der Innenpolitik nach außen verschoben, es geht jetzt gegen die USA, die Ukraine, den Westen im allgemeinen. Was ich beobachten kann ist eine starke Euphorie, man habe es endlich mal der ganzen Welt gezeigt, und das stärkt Putin.

Aber der Themenwechsel bringt, zynischerweise, eine Verschnaufpause für LGBTI*?

Könnte man meinen, aber es ist ganz klar, dass die Krim-Euphorie nicht lange anhält, in ein paar Wochen oder Monaten wird die vorbei sein und dann wird Putin neue Ziele für sein PR-Management suchen. Denn er lenkt mit allen Mitteln von Problemen im eigenen Land ab, wie schlechte oder gar keine medizinische Versorgung, Korruption, Waisenhäuser, Unterbezahlung. Viele Menschen sind nun euphorisiert, viele verzeihen Putin andere Probleme und sagen, endlich seien sie stolz auf Russland. Das ist es, was mir Angst macht, Putin verlangt schon fast wie ein Drogenabhängiger nach neuen Siegen. Und das kann dann in naher Zukunft wieder gegen Schwule, Leben und Menschen mit einer Transidentität gehen.

Die Pause für LGBTI* könnte also nur eine kurze sein.

Vor allem gehört das ja zusammen. Die LGBTI* in Russland könnten zu einer Art fünften Kolonne des homofreundlichen Westen erklärt werden, zum Feind im eigenen Land.

In der Ukraine ist Homosexualität seit den frühen 90er Jahren nicht mehr strafbar. Wie ist die Situation momentan?

Was die Ukraine angeht bin ich kein Experte. Was ich sagen kann, ist dass in den letzten fünf bis sechs Jahren eine homophobe Bewegung immer stärker wurde. Es gab organisierte Kräfte, teilweise auch mit amerikanischen Evangelikalen zusammen, die Anti-Homo-Demos veranstaltet haben, auch das Parlament wurde von denen beeinflusst. Da spielte die Regierung auch ein doppeltes Spiel. Einerseits sollte sie, weil sie die Annäherung an Europa suchte, ein Antidiskriminierungsgesetz einführen, andererseits wollte die Regierung die sogenannte Homopropoganda wie Russland verbieten, um mit Russland zu liebäugeln. Was die neue Übergangsregierung angeht, ist sie alles andere als schwulen-, lesben- oder trans*freundlich, sie ist sehr konservativ, milde ausgedrückt. Sie sprechen von der Rückbesinnung auf Familienwerte und sehen sich in Opposition zum verdorbenen Westen. Einerseits ist da der Wunsch nach einer Annäherung an den Westen, andererseits wollen sie vieles nicht übernehmen.


Interview: Christian Mentz

Info: Wanja Kilber gehört zu Quarteera e.V, Quarteera e.V. einer Gruppe russischsprachiger Lesben, Schwuler, Bisexueller, Trans*-Personen und ihrer Freunde in Deutschland. Der Verein wurde 2011 in Berlin gegründet, der Name beruht auf einem Wortspiel aus den Wörtern queer, Art und Quartier.

www.quarteera.de

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