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Mehr schwullesbische Pflegeeltern bitte!
Reinhard Naumann, Bezirksstadtrat von Wilmersdorf-Charlottenburg, wirbt um Schwule und Lesben als Pflegeeltern
Leitet die Abteilung Jugend Familie, Schule und Sport in Charlottenburg-Wilmersdorf: Reinhard Naumann
siegessaeule.de 23.5. – Beim Adoptionsrecht für Schwule und Lesben geht es seit Jahren nicht voran – dass mit der Pflegeelternschaft längst eine Möglichkeit für queere Eltern besteht, für Kinder Verantwortung zu übernehmen, ist vielleicht gar nicht so bekannt. Oder besteht daran nur wenig Interesse? Reinhard Naumann (SPD), schwuler Bezirksstadtrat für Jugend, Familie, Schule und Sport von Charlottenburg-Wilmersdorf, wirbt offensiv um schwule und lesbische Paare für die Pflegeelternschaft.
Herr Naumann, ein Pflegekind verursacht wie jedes Kind auch erst einmal ganz banal Kosten. Wer kann sich das leisten?
Es gibt für Pflegeeltern eine finanzielle Unterstützung, die deckt natürlich nicht alles ab, das ist klar. Schwule und Lesben werde ja oft als einkommensstark eingeschätzt. Aber die sexuelle Orientierung hört nicht auf vor Berufsbildern, die durchschnittlich oder manchmal auch schlecht bezahlt sind. Auch dann ist die Übernahme einer Pflegeverantwortung genauso möglich wie bei einem Akademikerpaar mit Double-Income und dickem Auto vor der Tür. Letztlich sind das die gleichen Überlegungen, die auch heterosexuelle Paare anstellen müssen: Was sind meine materiellen Bedürfnisse versus den materiellen Bedürfnissen des Kindes?
Woher weiß ich, dass ich geeignet bin, ein Kind zu übernehmen?
Im Mittelpunkt der Entscheidung, ob ein Kind Aufnahme bei Pflegeeltern findet, steht das Kindeswohl. Wichig ist, dass das Kind in eine emotional und sozial stabile Stituation kommt. Vor einer Vermittlung stehen viele Beratungsgespräche, die natürlich auch für uns dazu dienen, dass wir uns ein Bild machen können, ob eine Situation für ein Kind geeignet ist oder nicht. Handlungsleitend ist nicht der Kinderwunsch, sondern das Kindeswohl. In Einzelfällen ist es auch in Charlottenburg-Wilmersdorf nicht zu einer Vermittlung gekommen, weil man in der individuellen Beratung zu der Einschätzung gekommen ist, dass eine dauerhafte, stabile Konstellation und Eignung nicht gewährleistet ist. Wer – jetzt mal ganz platt gesagt – ein Kind haben will, um damit eine Beziehung zu retten, der wird scheitern. Wenn das in der Beratung deutlich wird, wird das nicht zu einer Vermittlung kommen.
Fehlen denn geeignete Pflegefamilien?
Meine Wahrnehmung über die Jahre hinweg ist, dass die Zahl von Überforderungssituationen in Familien zunimmt. Die Jugendämter haben wöchentlich zu entscheiden, Kinder aus Familien herauszunehmen. Bevor die Kinder dann in Heime oder ähnliche Einrichtungen kommen, wird immer vorrangig geprüft, ob eine Pflegefamilie zur Verfügung steht. Vor diesem Hintergrund kann ich eine ganz klare Ansage machen: Wir wünschen uns eine höhere Bereitschaft, ausdrücklich auch von Lesben und Schwulen, Verantwortung für ein Pflegekind zu übernehmen. Und angesichts der vielen Lesben und Schwulen in Berlin halte ich das Potenzial keineswegs für ausgeschöpft.
Aus was für Gründen werden die Kinder aus den Herkunftsfamilien genommen?
Das hat verschiedene Ursachen, Überforderung der Eltern, aber auch psychische Problemlagen, Alkohol oder Drogenproblematiken. Wenn wir ein Kind aus einer Familie nehmen, heißt das aber nicht, dass es da überhaupt keinen Kontakt mehr gibt, außer es gibt Gründe für eine Kontaktsperre. Wir versuchen eher, dass die Kinder mit ihren leiblichen Eltern in regelmäßigem Kontakt bleiben. In den meisten Fällen funktioniert das auch gut. Viele leibliche Eltern sind letztendlich einverstanden, wenn sie sehen, dass es den Kindern bei den Pflegeeltern gut geht.
Wie lange bleiben die Kinder bei den Pflegeeltern?
Das ist sehr unterschiedlich, da gibt es alles, von einigen Monaten bis zu dem Zeitpunkt, wenn die Volljährigkeit erreicht ist. Die Möglichkeit, dass ein Kind in seine Herkunftsfamile zurückkehren kann, ist da, kommt aber selten vor.
Bekommt man denn auch nach der Vermittlung noch Hilfestellung?
Wenn es zu einer Vermittlung gekommen ist, nimmt der Sozialarbeiter oder die Sozialarbeiterin oft viele Jahre Anteil und begleitet die Familie in der Entwicklung des Kindes. Viele der Pflegekinder, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern sein können, werden ja volljährig in ihren Pflegefamilien. Es bestehen auch viele Verbindungen zwischen den Pflegefamilien, es gibt in Berlin auch Zusammenschlüsse von Pflegeeltern.
Im Gegensatz zu vielen anderen Bezirken ist die Vermittlung von Pflegekindern in Charlottenburg-Wilmersdorf nicht an einen freien Träger vergeben. Warum?
Wir haben in Charlottenburg-Wilmersdorf immer den Standpunkt vertreten, dass bei aller Kompetenz, die auch freie Träger haben, bestimmte Kernaufgaben in der Verantwortung des Jugendamtes bleiben. Und da ein sehr erfolgreiches Team für die Pflegefamilien arbeitet, war klar, dass wir da ohne Not nicht rangehen. Wir sind damit in der Gesamtsituation der 12 Bezirke in einer Minderheitensituation, allerdings hat vor einiger Zeit eine Prüfung des Rechnungshofes ergeben, dass unter Kostenaspekten die Verlagerung dieses Aufgabengebietes an freie Träger keineswegs kostengünstiger ist, eher im Gegenteil. Auch wenn es eher eine inhaltliche Entscheidung ist, fühlen wir uns unter auch dem Kostenaspekt in der Entscheidung bestätigt.
Vor einiger Zeit wurde ein schwules Paar, das hier nicht genannt werden möchte, bei der Vermittlung für ein zweites Pflegekind nach einem HIV-Test gefragt.
Ich war ziemlich schockiert, als ich von dem Paar um Rat gefragt wurde. Denn mit welchem Recht wird ein HIV-Test als Nachweis zur Befähigung verlangt, für ein Kind Verantwortung zu übernehmen? Das spielte sich in einem anderen Bezirk ab, in dem Fall in der Konstellation mit einem freien Träger. Eine isolierte Frage nach einem HIV-Test ist ganz klar diskriminierend. Natürlich spielt der Gesundheitsstatus möglicher Pflegeeltern eine Rolle. Ein Kind, das aus einer Familie genommen wird, macht die Erfahrung eins starken Beziehungsbruches, und es wäre einfach nicht gut, wenn es aufgrund von Krankheit das dann wieder erlebt. Bezogen auf HIV heißt das aber aus meiner Sicht: Mit der Medikation, die es heute gibt, ist HIV, wenn es sich nicht um das Vollbild Aids handelt, eine chronische Erkrankung. Ich will das nicht verniedlichen, aber für mich und mein Jugendamt ist ganz klar, dass das auf keinen Fall von vorn herein ein Ausschlusskriterium ist. Ich kenne auch Männer, die haben ihren HIV-Status seit über 20 Jahren. Hätten die sich vor 20 Jahren für ein Pflegekind entscheiden können, dann wäre ihr Pflegekind heute wahrscheinlich nicht nur aus dem Gröbsten raus, sondern hätte möglicherweise schon eine Ausbildung abgeschlossen.
Aber das kann jeder Bezirk machen, wie er will?
Ja, aber das ist ein Fehler. Da darf es keine bezirksindividuelle Handhabe oder gar Willkür geben, daher habe ich das Problem auf Landesebene gegenüber der Senatsjugendverwaltung benannt und Klärungsbedarf angemeldet. Bis Ende des Jahres sollte die Unsicherheit bei diesem Thema ausgeräumt sein.
Sicherlich gibt es auch Ängste: Werde ich als Schwuler oder Lesbe schief angeguckt beim Jugendamt, wenn es um Pflegekinder geht ...
Ja, aber es gibt ja für den ersten Schritt communityinterne Beratung, etwa beim LSVD. Das ersetzt nicht die Beratung beim Jugendamt, kann aber ein erster Schritt sein. Grundsätzlich ist Berlin, glaube ich, hier sehr fortschrittlich aufgestellt. Vergleichbares wie den Fall mit dem HIV-Test hab ich in Berlin bisher nicht gehört. Eine grundsätzliche Offenheit ist für die Belange schwuler oder lesbischer Interessenten für eine Pflegeelternschaft in allen 12 Bezirken gegeben.
Worum geht es bei dem Pflegefamilienfest?
Das Fest gibt es alle 2 bis 3 Jahre, es geht darum, den Pflegeeltern einmal Dankeschön zu sagen. Und die Pflegeeltern, egal ob schwul, lesbisch oder hetero, schätzen gemeinsam mit ihren Kindern das Fest als gute Möglichkeit, anderen Pflegefamilien zu begegnen. Ich meine, dass dieses Engagement gesellschaftlich noch zu wenig Anerkennung findet. Daher werden beim Fest langjährige Pflegeeltern besonders geehrt. Es ist mir ein persönliches Anliegen, eine Wertschätzung für Pflegeeltern zu schaffen. Und eben auch für die schwulen oder lesbischen Eltern. Wir haben als einziger Bezirk in unserem sehr nachgefragten Familienwegweiser ein schwules Paar, das aus seinem Leben als Pflegeeltern berichtet. Das Heft liegt in den Rathäusern aus. Ich würde mich sehr freuen, wenn Schwule und Lesben, die sich für das Thema interessieren, auch zum Fest kommen, bitte dann aber um kurze Voranmeldung in meinem Büro.
Wie kommt es, dass ihnen dieses Thema so am Herzen liegt?
Ich habe ein sehr positives Verhältnis zum Thema Familie, ich habe wunderbare Eltern und zwei Geschwister und fand es immer toll, auch als Kind und Jugendlicher, Geschwister zu haben. Vielleicht kommt es daher.
Haben Sie selbst auch ein oder mehrere Pflegekinder?
Ich habe mit meinem Mann mehrere Jahre eine Fernbeziehung geführt, nun ist er auch in Berlin, aber eigene Pflegekinder sind für uns aus biographischen und beruflichen Gründen nicht mehr zu bewerkstelligen. Wenn man mich fragt, sage ich immer mit einem Augenzwinkern: Ich habe 30.000 Kinder! Der Zuschnitt meines Ressorts mit Jugend, Familie, Schule und Sport ist kein Zufall, sondern wichtig für die Vernetzung bei der Arbeit für Jugend und Familie.
Interview: Christian Mentz
Pflegefamilienfest: 27.5., 16 Uhr, Abenteuerzentrum im Grunewald, Eichhörnchensteig 3
Büro Reinhard Nauman
Abteilung Jugend Familie, Schule und Sport
Fehrbelliner Platz 4
10707 Berlin
Tel.: 030 902915000
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