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Patenkinder: „Der Weg von uns zu uns“
Ein Berliner Verein vermittelt Paten für Kinder psychisch erkrankter Eltern – auch an Lesben und Schwule
© iStockphoto.com
siegessaeule.de 6.10. – Sie sind ein eingespieltes Team: Stefan, Martin und Jonas (alle Namen von der Redaktion geändert). Jonas ist sechs Jahre alt, und seit etwa neun Monaten sind Stefan und Martin seine Paten. Zum Team gehört auch Jonas’ Mutter, die sich ebenso wie Stefan und Martin vor einiger Zeit an den Jugendhilfeträger AMSOC e.V. gewandt hatte. Der Verein bietet die Vermittlung von Paten für Kinder psychisch erkrankter Eltern an. „Kinder brauchen nicht nur Essen, Trinken und ein Bett, um sich gesund entwickeln zu können, sie brauchen vor allem auch verlässliche Beziehungen“, erklärt Katja Beeck, Bereichsleiterin für Patenschaften bei AMSOC. „ Letzteres ist in Familien, in denen ein allein erziehender Elternteil psychisch krank ist, oft nicht gegeben. Auch können solche auf Dauer angelegten Beziehungen nicht von Fachkräften gewährleistet werden. Deren Unterstützung ist in der Regel zeitlich begrenzt und findet auch nicht in ihrer eigenen Familie statt. Diese Lücke möchten wir schließen.“
Stefan und Martin hatten sich schon häufiger mit dem Thema Adoption auseinander gesetzt. „Wir hatten schon einen großen Kinderwunsch“, erzählt Stefan. Der Jurist stammt aus einer großen Familie, und hatte immer viel Kontakt mit seinen Nichten und Neffen. „Wir hatten über eine Auslandsadoption nachgedacht, aber es ist dann doch nie konkret geworden.“ Nun ist Stefan gemeinsam mit seinem Mann Pate und fühlt sich damit vollkommen stimmig. „Wir sind definitiv keine Eltern“, sagt er, „aber die Rolle, die wir haben, gefällt uns gut.“
Auf diese Rolle wurden sie intensiv vorbereitet: Nach einem aufwändigen Bewerbungsverfahren machten sie bei AMSOC e. V. eine dreimonatige Schulung. „Wir wurden über psychische Erkrankungen aufgeklärt, mit Hilfsangeboten vertraut gemacht und auch mit möglichen Problemen konfrontiert“, erklärt Martin. „Da kamen auch Zweifel und wir fragten uns: Wollen wir uns das wirklich antun?“, gibt der Logopäde zu. Ganz unbeabsichtigt sind diese Zweifel nicht – die Übernahme einer Patenschaft soll gut überlegt werden. „Den Paten muss klar sein, dass sie sich auf eine intensive Beziehung einlassen“, erklärt Katja Beeck von AMSOC e.V., „und wie jede Beziehung kann auch diese mal schwierig werden – wir haben es nun mal mit psychisch erkrankten Eltern zu tun.“ Doch auch das ist eine Aufgabe des Vereins: Mit Gesprächsangeboten und regelmäßigen Treffen mit der Möglichkeit zur Gruppensupervision werden die Paten unterstützt. Ziel ist, dass eine verbindliche Patenschaft entsteht.
Jonas verbringt einen Nachmittag in der Woche mit Martin und Stefan und außerdem auch ein Wochenende pro Monat mit Übernachtung. „Auch im Falle einer Krise der Mutter oder des Vaters sind die Paten für die Kinder da. Deswegen ist es wichtig, dass das Übernachten bei den Paten nichts völlig Fremdes ist“, erklärt Katja Beeck. Am Anfang hatte Jonas ein bisschen Angst davor, nicht zu Hause zu übernachten. Martin und Stefan haben ihm die Zeit gegeben, die er brauchte. Inzwischen ist es Alltag geworden: „Unsere Wohnung ist ein Stück seines Zuhauses“, sagt Martin und erzählt, dass Jonas vor kurzem verkündete: „Ich kenne schon den Weg von uns zu uns.“ Nicht ohne Stolz zeigt Martin seinen Patenausweis, der dazu dient, dass er sich in Kindergarten, Schule oder an anderen Stellen als Bezugsperson von Jonas ausweisen kann. Der Ausweis ist gültig bis zum 25.8.2023, Jonas’ 18. Geburtstag.
Christina Reinthal
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