Siegessäule - Indien: unglaubliches Potenzial

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Indien: unglaubliches Potenzial


Modern und altertümlich, schön und hässlich. So ambivalent wie das Land ist auch das schwullesbische Leben dort

© Alle Fotos: Michael Lenz, Pink Pages, Dieter-Schütz_pixelio.de

siegessaeule.de – „Incredible India. Unglaubliches Indien“. Wie wahr doch Indiens Werbeslogan ist. Der Subkontinent ist unglaublich reich und unglaublich arm, unglaublich schön und unglaublich hässlich, unglaublich modern und unglaublich mittelalterlich, unglaublich historisch und schier unglaublich bunt.

Seit dem 2. Juli 2009 strahlen zusätzlich auch die prachtvollen Farben des Regenbogens über Indien. An dem Tag nämlich hat der High Court für den Paragrafen 377, der als Erbe der prüden britischen Kolonialherren Homosexualität kriminalisierte, die Delete-Taste gedrückt. Natürlich hat an diesem Tag die indische Gesellschaft nicht von einer Sekunde auf die andere von konservativ auf liberal umgeschaltet und es hat auch schon davor schwul-lesbisches Leben in Indien gegeben. „Den ersten Gay Pride gab es 1999 in Kalkutta. Aber nur sehr wenige hatten es gewagt, daran teilzunehmen“, sagt Udayan. Der 23-Jährige ist Chefredakteur der Pink Pages, Indiens erstem „lesbian-gay-transgender-bisexual“ (LGTB) Magazin, wie Udayan homopolitisch korrekt betont.

Aufschwung des schwullesbischen Lebens

Die Pink Pages sind eine direkte Folge der Abschaffung des Paragrafen. „Vorher hätten sich kaum Schwule und Lesben getraut, für ein solches Magazin zu schreiben oder darin Kontaktanzeigen aufzugeben“, sagt Udayan, der in diesen Tagen im Stress ist, weil die Pink Pages den nächsten Schritt wagen: „Ab Oktober wird es eine Druckausgabe geben.“  Bisher waren die Pink Pages nur als PDF aus dem Internet herunterladbar. Das Downloadprofil sagt viel über Indien aus. Erstens: die Pink Pages wurden zu 100 Prozent von Usern aus den indischen Metropolen wie Neu-Delhi oder Mumbai (ehemals: Bombay) runtergeladen. „Im ländlichen Indien, wo 70 Prozent der Menschen leben, ist der Internetzugang schwierig, in vielen Dörfern gibt es nicht einmal Strom, und kaum jemand spricht Englisch“, erklärt Udayan.

Zweitens: 70 Prozent der Downloads stammt von schwulen Usern. „Die LGBT-Bewegung ist noch von schwulen Männern dominiert. Frauen sind hier in Indien noch eine sehr unterdrückte gesellschaftliche Gruppe und Lesben erfahren eine zusätzliche Ausgrenzung.“ Aber der Anteil lesbischer Leserinnen steige konstant: „Es entwickelt sich langsam auch eine lesbische Szene.“

Bollywood lebt. Das beweist laut und durch mitreißende indische Tanzmusik die samstägliche schwule „Boyzone“-Party im Tanzlokal Polka in Kailash Colony Market, einem der trendigen Stadtviertel Neu-Delhis. Wer je einen Bollywoodfilm mit seinen opulenten Tanzszenen gesehen hat, der hat eine Ahnung von indischer Lebensfreude, die live einfach noch unglaublicher, intensiver, ausgelassener ist. Inder können feiern. Inder können auch sehr grausam sein. Das offenbarte jüngst der traurige Fall von Professor Siras. Der 62 Jahre alte Sprachwissenschaftler an der Aligarh Muslim University hatte sich nach seinem Outing durch Studierende und dem Druck der folgenden Pressehetze aus Scham im April das Leben genommen.

Dann wieder präsentiert sich Indien von seiner toleranten Seite. In Mumbai fand ebenfalls im April das erste öffentliche LGBT-Filmfestival statt und im August empfahl die zuständige Behörde der Regierung, in die Fragebögen für den nächsten Zensus Transgender als Geschlecht aufzunehmen.
Einer der Pioniere des schwul-lesbischen Tourismus Indiens ist Sanjay Malhorta, im Hauptberuf ein populärer, offen schwuler Modedesigner in Neu-Delhi. Sein Reiseunternehmen Indja Pink bietet maßgeschneiderte Touren in alle Teile Indiens und garantiert neben „gayfriendly“ und durchaus luxuriösen Unterkünften eine „tiefe Einsicht in die Seele und Kultur“ Indiens. Dazu gehören auch Einblicke in die Gay Community, über die Sanjay strahlend sagt: „Die Geschwindigkeit, mit der sie sich entwickelt, ist atemberaubend.“

Sanjay hält die Monate April sowie August und September für die beste Reisezeit. „Dann ist es nicht zu heiß und nicht zu regnerisch.“ Folgt man Udayan, dann kommt definitiv noch der Pride-Monat Juni hinzu. „Es gibt jetzt in jeder großen Stadt Indiens Gay-Pride-Veranstaltungen“, freut sich Udayan. „Für schwul-lesbische Besucher Indiens ist Mumbai mit seinen Bars und Partys der beste Ort.“
Zum Chill out nach der Party in Mumbai eignen sich bestens die circa 400 Kilometer südlich gelegenen Traumstrände des liberalen Goa. Cocktails unter Palmen, Joints am Strand, relaxen im Spa, schwimmen im Arabischen Ozean – auch das Spaß- und Wellness-Potenzial Indiens ist einfach unglaublich.                          

Michael Lenz


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