Siegessäule - Lissabon: Sehnsucht und Melancholie

Fadosänger Telmo Pires

siegessaeule.de – Der erste Ton: Ein sanfter Bariton ergreift das Publikum, das dicht gedrängt der mit Inbrunst angefachten Traurigkeit lauscht. Telmo Pires singt Fado, den portugiesischen Musikstil voll Sehnsucht und Melancholie. Telmo ist beeindruckt von den großen Vorbildern, die als Bildergalerie das kleine Lokal Tasca do Chico im Lissabonner Stadtteil Bairro Alto schmücken: „Beinahe hätte ich mich das nicht getraut“, gibt der Sänger zu. Doch die Leute folgen wie gebannt seinem Konzert.

Auf dem Heimweg bleibt Zeit für einen Absacker. Vor dem Café a Brasileira schweigt die Bronzestatue des Nationalpoeten Fernando Pessoa zum nächtlichen Treiben der Touristenmetropole. Er beschrieb „Saudade“, diese typisch portugiesische Form von Weltschmerz,  als die Seele des Fado. „Es bedeutet, Traurigkeit lieben zu lernen“, erklärt Telmo Pires und nimmt einen Happen Pastel de Nata, ein für Lissabon typisches Puddingtörtchen. Die Frühlingsnacht senkt sich über die Altstadt, bleiches Mondlicht lässt die Flussmündung des Tejo glitzern.

Der neue Tag beginnt bei strahlendem Sonnenschein oben am Hügel des Königsparks, unweit des Monuments zu Ehren des Marquês de Pombal. Mit onduliertem Haarschopf blickt der Schöpfer des neu aufgebauten Lissabons den Prachtboulevard Avenida da Liberdade hinab, der in den barocken Kern des schachbrettgleich errichteten Viertels Baixa mündet. „Erdbeben, Feuersbrunst und Tsunami; 1755 hat es die Stadt schwer erwischt, doch Pombal gab Hoffnung“, erklärt der fließend deutsch sprechende Portugiese.

Der queere Hotspot ist das Gassengewirr um das Principal Real

Beim Flanieren am Cinema São Jorge stoppt Pires vor einem Konzertplakat des etablierten Fado-Stars Jorge Fernando: „Mit ihm arbeite ich gemeinsam an neuen Liedern.“ Im großen Kinopalast an der Avenida ist heute ein Konzerthaus, im weiter unten liegenden Ex-Filmhaus Condes eine amerikanische Event-Kneipe und im Eden ein Apartmenthotel. Immerhin hat diese Umnutzung den Verfall der Stadtpaläste gestoppt.

Die gelbe, unzählig oft fotografierte Straßenbahn der Linie 28 führt aus dem Stadtkern über Kopfsteinpflaster rauf ins Fado-Viertel Alfama, an der Kathedrale Sé de Lisboa und dem Aussichtspunkt Santa Luzia vorbei. Im Hintergrund protzt der Blick aufs Meer, Kunsthandwerkerinnen fertigen Souvenirs, bunte Wäsche trocknet an opulent gekachelten Häuserfassaden. Wenige Hundert Meter die Alfama hinab ist das Fado-Museum. Im rosa getünchten Gebäude betrachten Besucher das berühmte Gemälde „O Fado” von José Malhoa oder hören im Multimediasalon die Erfolge der verehrten Diva Amália.

Die Schwulenbars liegen nicht weit entfernt. Kommt Telmo Pires’ Freund, der Schauspieler Matthias Freihof, aus Berlin zu Besuch, trinken sie gerne etwas in der Bar Le Marais, die einem belgischen Wirt im nahen Altstadtviertel Santa Catarina gehört. Der lesbisch-schwule Hotspot ist indes das Gewirr der engen Gassen um das Principal Real mit der Bar WoofLX und der Disco Trumps. Lesbische Frauen amüsieren sich im Nachbarviertel Alcântara, in der Bar Maria Lisboa, benannt nach einem berühmten Fado von Amália Rodrigues.

Am Abend dann ein weiterer Auftritt im Tasca do Chico, die wartende Wirtin begrüßt den Sänger. Eine Schweißperle glänzt auf seiner linken Schläfe. Telmo Pires atmet tief durch, hebt die rechte Hand bis auf Kinnhöhe, verharrt und beginnt zu singen: Romantisch vibriert sein Timbre. Zum Finale tost Applaus.

Robert Niedermeier

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