Siegessäule - Santa Fe: relaxte Diva

siegessaeule.de – Die Sonne steht schon hoch über den Bergen und der Mesa – der Tag beginnt spät in Santa Fe. „Think rain“ lesen wir auf dem handgemalten Schild in unserem mit bizarren Kakteen aufgehübschten Vorgärtchen, das zum „Bed and Breakfast“ gehört, in dem wir uns einquartiert haben.

Ob diese spirituelle Aufforderung das größte Problem des Nordens von New Mexico, die Trockenheit, löst, bleibt abzuwarten. Unsere Unterkunft ist von einer hohen Adobe-Mauer umgeben – Adobe ist Lehm von Flussufern –, die durchgetretene Holzveranda mit der Relax-Schaukel scheint noch aus der Siedlerzeit zu stammen. Aber jetzt geht’s zum Brunch auf die Plaza ins berühmte La Fonda, das erste Haus am Platz, in dessen Glockenturm man die besten Margaritas und abends spektakuläre Technicolor-Sonnenuntergänge genießen kann.

Vielleicht sehen wir ja Julia Roberts, Tom Ford oder Bill Gates, die sich wie andere Celebrities in der Gegend eine Ranch zugelegt haben. Danach gibt es einen Spaziergang über die von um die 100 Galerien gesäumte Canyon Road, eine Allee, wo sich viktorianische Villen und uralte Adobe-Quader reihen. Hier gibt es einfach alles für das Western-Feeling, von prähistorischer Anasazi-Keramik bis zu schwul-erotischer Cowboy-Kunst.

Das 1607 gegründete Santa Fe, die mythenumrankte zweitälteste Stadt der USA mit dem ältesten Regierungsgebäude und der ältesten Kirche des Landes, ist die kulturüberspannende Kunstkapitale des Südwestens. Santa Fe: Für die Indianer war es „Tanzplatz der Sonne“, für die spanischen Konquistadoren „Ort des Heiligen Glaubens“, für die nachrü­ckenden Yankees nur ein „dreckiges, aus Schlamm gebautes Kaff“, bis es in den 20er-Jahren die Muse küsste und aufgrund des in der Kunst damals angesagten Trends zum Ursprünglichen und „Primitiven“ zur Diva in der Wüste von New Mexico wurde.

Entspannte Diva mit einer ziemlich großen queeren Szene

Und wie viele Diven hat sich auch diese ihre eigene Mythologie zugelegt: Es ist ein nostalgischer, indianisch-spanisch-mexikanisch-angloamerikanischer Mix aus Western- und Cowboy-Romantik, Mutter-Erde-Mythen und Pioniergeist. Santa Fe boomt: Keine andere amerikanische Stadt weist eine solche Dichte an Museen, Galerien, Boutiquen und Restaurants auf wie Santa Fe. In den USA rangiert der Kunstmarkt der Stadt an dritter Stelle hinter New York und Los Angeles.

In der ganzen Grenzregion findet eine Remexikanisierung statt, aber Santa Fe ist unangestrengt multikulti. Ebenso leben hier die Native Americans, Pueblo-Indianer, Komantschen und Navajos, in ihren Reservaten. In den Dörfern fertigen sie Satteldecken, Ponchos oder Keramik. Eine ihrer Haupteinnahmequellen ist jedoch das Betreiben von Spielcasinos, denn nur sie können auf ihren Gebieten die Konzession dafür erwerben.

„Laid back“, cool-gelassen-entspannt, ist in Santa Fe die Stimmung, und so ist auch die queere Szene. Queer zu sein ist hier kein Thema. Man wundert sich zunächst aber, dass es bei geschätzten 20 Prozent queerer Bewohner keine Szene wie das Castro-Viertel in San Francisco gibt. Aber diese Art von „Absonderung“ ist hier nicht nötig. Nichts ist nur straight, und nichts ist nur queer – aber wahrscheinlich ziemlich stoned. Im Turquoise Bear trifft sich die queere Community des ganzen Nordens, aber niemand würde auf die Idee kommen, es als eine Schwulenbar zu kategorisieren. Das jährliche „Pride on the Plaza“ ist der CSD der Stadt, und gefeiert wird in den schwul-lesbischen Lokalen einfach von allen Leuten, die Lust auf Party haben. Die Schwulen und Lesben, die nach Santa Fe kommen, sind also Besucher wie alle anderen auch, und das mag eine der größten Attraktionen dieser Wüstendiva sein.  
Egbert Hörmann