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Reise
Südengland: Auf den Spuren Agatha Christies
Mit Miss Marple durchs Dartmoor oder ins mondäne Torquay
© istockphoto.com: peskymonkey Torquay, Heimatort von Agatha Christie
siegessaeule.de – Hand auf´s Herz! Insgeheim träumen wir doch alle davon, zu Miss Marple zu mutieren (nicht unbedingt wie Margaret Rutherford). Wir sind in unserem Cottage und unserem Garten köstlich schrullig, aber scharf bei Verstand. Das ondulierte Haar schimmert bläulich, das alte Tweedkostüm ist zeitlos, ebenso die Gurkensandwiches, der rituelle Fünf-Uhr-Tee, der vitalisierende Gin und der wärmende Whiskey.
Deshalb verlassen wir London um 16.30 ab Paddington, um uns in der Grafschaft Devon in Südengland auf eine Spurensuche zu begeben, deren Heldin Agatha Christie ist. Sie schrieb mit „The Mousetrap“ das nicht nur erfolgreichste Theaterstück der Welt, ihr Werk ist außerdem neben der Bibel und Shakespeare das meistgelesene weltweit. Ihre Person ist unauflöslich mit der Vorstellung verbunden, die wir uns von einem zutiefst britischen England machen.
Mondänes Torquay, düsteres Dartmoor
Die erste Station muss Christies Geburtsort Torquay sein! Hier gibt es gleich zwei Museen, die an das berühmteste Kind der Stadt erinnern. Das fashionable Torquay bildete sich im 18. Jahrhundert mit den Nachbarorten Paignton und Brixham zur Englischen Riviera heraus. Zwar ist der auf sieben Hügeln gelegene Ort mit seiner palmengesäumten Uferpromenade nicht mehr so mondän wie einst, aber er hat immer noch das Aroma Christies. Das Anwesen Rock End etwa und das Imperial Hotel benutzte die Autorin als Schauplätze und im Fin-de-Siècle-Hotel Grand verbrachte sie ihre Hochzeitsnacht. Die von ihr besuchten Badestrände gibt es immer noch; empfehlenswert ist ein Spaziergang zwischen Gärten und Stränden von Babbacombe Beach zum Hotel Imperial. Den besten Cream Tea der Stadt gibt es im Balmoral Hotel.
© istockphoto.com: moorefam Kirche im düsteren Dartmoor
Zum Kriminalroman kommt die 1890 geborene Christie durch die ältere Schwester Madge, die in ihr den Ehrgeiz weckt, eine Detektivstory zu schreiben. Während des Ersten Weltkriegs fängt die junge Lady damit an: Allein, der Plot ist da, es fehlt der Detektiv. Um die Schreibhemmung zu beheben, zieht sich Agatha 1920 in das Haytor Hotel (heute: Moorland Hotel) im Dartmoor-Nationalpark zurück. Das Dartmoor, bereits der Hintergrund für Sherlock Holmes’ Baskerville-Fall, erweist sich als perfekter Kreativschub. Die zu Träumereien und Halluzinationen stimulierende Heide, von Legenden, Hexen, Gespenstern und Fabelwesen bevölkert, nebelumwabert und von herber, dramatischer Schönheit, führt zur Niederschrift ihres Erstlings „Das fehlende Glied in der Kette“ („The Mysterious Affair at Styles“) und zur Geburt ihres außenseiterischen, ziemlich angeschwulten belgischen Helden Hercule Poirot.
Burgh Island: im einzigen Hotel residierte auch Christie schon
Zwei Straßen durchqueren diese knapp 1000 Quadratkilometer umfassende „letzte Wildnis Europas“, die für Wanderungen ideal ist. Eigenartiges Flair hat das von einem Teebaron erbaute Unikum Castel Drago, das Art déco, römische und normannische Bauelemente vereint. Für manches Gemüt mag die mitten im Moor gelegene Ortschaft Princetown, die vom vom berüchtigten Dartmoor Prison beherrscht wird, „too much“ sein. Bis zu 9.000 Menschen waren zeitweise in diesem finsteren Komplex inhaftiert. Das gegenüberliegende Museum informiert drastisch über die verheerenden Zustände dort.
1930 erhält Superhirn Poirot ein Pendant in Gestalt von Miss Jane Marple aus dem fiktionalen Örtchen St. Mary Meads. Nach internationalen Fällen kehrt Christie damit ins ländlich-idyllische England zurück, in dem das Böse dann umso schockierender zuschlägt.
Wir sind auf dem Weg nach Burgh Island, ein dem Ort Bigbury-on-Sea vorgelagertes Inselchen, das die Autorin Ende der 20er-Jahre für sich entdeckte, aber zuvor geben wir uns ein opulentes Picknick an einem der von ihr bevorzugten Strände, etwa Blackpool Sands hinter Dartmouth. Mit dem kuriosen Gefährt Sea Tractor setzen wir dann zur Insel über. In dem einzigen Hotel schrieb Christie zwei ihrer Romane. Zu Ehren der Lady werden heute im stilvollen Ambiente die Cocktails „Evil Under the Sun“ und „Christie’s Enigma“ kredenzt.
Greenway House: Sommermonate am Fluss
In drei Romanen der Autorin spielt die schicksalhafte Leidenschaft für ein bestimmtes Haus eine bedeutsame Rolle. Es ist eine Leidenschaft, die von Christie geteilt wurde. Als Torquay sich vergrößerte und das geliebte Elternhaus Ashfield nicht mehr die Oase der Ruhe war, entschloss sich die Schriftstellerin 1938 mit ihrem zweiten Ehemann das um 1780 erbaute georgianische Greenway House zu erwerben, ein etwa zwanzig Kilometer von Torquay entfernt, am Fluss Dart gelegenes Anwesen. Hier verbringt sie nun immer die Sommermonate.
Eine Bootsfahrt von Dartmouth aus gestattet einen wunderbaren Blick auf das Haus und den prachtvollen Garten. Fluss und Haus tauchen unter anderen Namen erkennbar in einigen weiteren Romanen auf. Die Landschaft um Greenway House ist aber auch wie geschaffen für einen Whodunit: die vom Wetter oft seltsam geformten Bäume, bedrohliche Wolkenformationen, denen plötzlich strahlender Sonnenschein folgt, und natürlich der morgendliche und abendliche Nebel.
Die Queen of Crime ist in der für entspannte Wanderungen und Radtouren idealen, flächenmäßig größten Grafschaft Devon der Britischen Inseln allgegenwärtig, vor allem in dem Küstenabschnitt zwischen Torquay und Dartmouth. Auch putzige Miss-Marple-Replikanten finden sich immer wieder in den Städtchen Devons.
Egbert Hörmann
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