Siegessäule - Usedom: weit mehr als Rentnerparadies

Achterwasser auf Usedom

siegessaeule.de – Die meisten der queeren Metropolen haben einen kleinen Bruder bzw. eine kleine Schwester am Meer: Die Schwulen und Lesben Barcelonas zieht es im Sommer nach Sitges, die New Yorker hängen auf Fire Island ab, die Londoner in Brighton. Und was hat Berlin? Den Wannsee. Eine mögliche Alternative am Meer wäre Usedom. Doch die Ostsee gilt als harmlos und heimelig und als Ziel für ältere Leute bzw. Familien mit Kindern.

Nun hat sich auch die queere Demografie in letzter Zeit stark gewandelt. Dennoch ist die Sehnsucht nach einer solchen Gesellschaft beschränkt. So wundert es nicht, dass es für ganz Usedom keinen einzigen Eintrag im schwulen Reiseführer Spartacus gibt, selbstverständlich auch nicht auf polnischer Seite. Kein Ort nirgends. Dafür Natur satt. Nicht nur auf Usedom mit seinen weißen Stränden und dichten Buchenwäldern, auch auf dem Weg dorthin.

Schöne Radwege, viele Frauenpaare: ein lesbischer Geheimtipp?

Und der Weg ist das Ziel: vor allem auf dem Berlin-Usedom-Radweg – und das auch für weniger Sportliche. Als Faustregel gilt: Ab 80 Kilometer fängt der Hintern an zu schmerzen. Aber 60 Kilometer pro Tag dürfte auch der oder die Ungeübte packen. Mit allen Abkürzungen, den inoffiziellen und offiziellen (die gibt es), erreicht man von Berlin aus nach knapp 200 Kilometern das Meer. Man braucht dazu drei bis vier gemütliche Tagesetappen.

Gleich am Anfang kann man schummeln und den Regionalexpress nach Bernau nehmen, um von dort aus loszustrampeln. Kurz nach dem Start wird man bereits mit dem ersten Highlight belohnt: dem abwechslungsreichen Biesenthaler Becken mit seinen Waldökosystemen, artenreichen Feuchtwiesen und naturnahen Fließgewässern. Infotafeln informieren über die Entstehung dieses Naturraums. Wie alle Landschaften, die man durchfahren wird, hat es seine Entstehung der letzten Eiszeit zu verdanken. So stellt sich der Berlin-Usedom-Radweg als kleiner Fahrradhighway durch die Natur heraus. Auffällig viele Frauenpaare kommen einem hier entgegen. Ein lesbischer Geheimtipp?

Kaiserbäder oder doch nach Peenemünde?

Weiter führt die Strecke am glasklaren Werbellinsee vorbei, der zu einer ausgiebigen Badepause verführt. Kurz vor Prenzlau sollte man sich eine weitere Chance zum Tricksen nicht entgehen lassen: Ein Schiff bringt einen über Unter- und Oberuckersee sicher von Warnitz nach Prenzlau, von wo aus schon von Weitem die majestätische mittelalterliche Marienkirche herübergrüßt.

Hinter Pasewalk zieht es sich ein wenig. Nach einer Durststrecke an den Rändern viel befahrener Landstraßen erreicht man kurz vor dem Stettiner Haff das Naturschutzgebiet Anklamer Stadtbruch, Deutschlands größtes Moorgebiet. Schilf, weite Wasserflächen und dürres Geäst prägen das wildromantische Bild. Hier fühlt sich allerlei Federvieh wohl. Eine Fähre setzt genau da nach Usedom über, wo noch Reste einer 1945 gesprengten Eisenbahnbrücke stehen, die einst für eine schnelle Zugverbindung von Berlin auf die Insel sorgte.

Auf Usedom angekommen sind es noch 20 Kilometer zum Strand. Dort kann man sich in einem der drei Kaiserbäder erholen oder auf einer der Seebrücken in Ruhe überlegen, ob man noch eine Etappe dranhängt – z. B. in den Nordwesten nach Peenemünde. Der Radweg Berlin-Usedom ist so ziemlich das genaue Gegenteil von einem Partyurlaub auf Ibiza – eine goldene Wahl also für Naturfreunde und Szenemüde sowie für Frischverliebte.     

Torsten Träger