Siegessäule - „Kerberos und Chimaira“: Moderne Höllenhunde

Berlin

„Kerberos und Chimaira“: Moderne Höllenhunde


Die Arbeiten von Andreas Fux und Harry Hauck sind in der Galerie cubus-m noch bis zum 22.10. zu sehen

SIS 11.10.2010 – Kerberos und Chimaira, das müssen irgendwelche Gottheiten der alten Griechen sein. Haben bestimmt mit Lust und Liebe zu tun. Doch denkste! Bei den beiden handelt es sich weder um Musen, Nymphen oder Titanen, sondern um – Ungeheuer. Eine erste Spur fürs Verstehen der neuen Arbeiten von Andreas Fux. Der Berliner (Jahrgang 1964) hat seine brillant-akribischen Fotografien im architektonischen Niemandsland in Joachimsthal bei Berlin inszeniert. In einem ehemaligen Testgelände der Nazis für Flugzeugturbinen. Das sieht man der leer stehenden, nicht mehr genutzten riesigen Betonröhre auch an. Überall nackter Beton in Rundbögen, unverputzte Ziegel, alles ordentlich sauber und gigantisch groß – das hier wäre kein schlechter Ort für eine Art zweites Berghain.

Der Industriebau hat sakralen Charakter. Vielleicht beschreibt deshalb Galerist Holger Marquardt die Protagonisten in den Fotos als Tempeldiener, Andreas Fux nennt sie stimmiger Höllenhunde. Genau das ist die Entsprechung von Kerberos – er bewacht den Eingang zur Unterwelt. Und Chimaira ist ein feuerschnaubendes Ungeheuer, halb Ziege, halb Löwe, mit einem Drachenschwanz. Und so ähnlich hat Andreas Fux die Sache dann auch inszeniert. Modern interpretiert natürlich. Da sind zwei menschliche Höllenhunde, die bis auf die Lippen von schwarzem Latex umgeben sind. Völlig entindividualisiert, ähneln sich die beiden in ihrem glänzenden schwarzen Panzer. Sie posieren äußerst devot, mal mit, mal ohne ihre Herrin, einer geheimnisvolle Femme Fatale im dunklen Latex-Rot. Ihr Kleid, unglaublich sexy, lässt Haut aufblitzen – ein Gegenentwurf zu den Höllenhunden in gleich mehrfacher Hinsicht.

Die andere Hälfte der Fotoserie zeigt strenge Herren in hochgeschlossenen Latex-Uniformen. Stil, Inszenierung und Habitus lassen ambivalente Gefühle aufkommen. Ohnehin scheint ja die Grenze zwischen reinem Fetisch und unreflektierter Verherrlichung der ach so schnittigen Nazi-Uniformen in gewissen Schwulenkreisen mitunter fließend. Doch Beigeschmack hin oder her: Kalte Blicke / warme Haut / steriles Latex / harter Beton – dieses Spiel mit dem Verbotenen, Tabuisierten, mit dem Höllenfeuer macht den besonderen Reiz dieser Bilder aus.

Apropos Haut: Andreas Fux untersucht seit Jahren verbissen wie gekonnt (und oft erschreckend) die Verletzbarkeiten der Haut, ist interessiert an alten und frischen, ja immerwährenden Narben, Wunden, Malen, Schnitten … Ganz ähnlich verhält es sich bei Harry Hauck (Jahrgang 1964), nur umgedreht. Der Berliner fertigt Abgüsse von Oberflächen an, die Auferstehung als luftgefülltes Gummi-Gebilde feiern. Diese Plastiken sehen in der Ausstellung wie Asphaltblöcke aus, fassen sich aber ziemlich weich und warm an. Die anthrazitfarbenen Würfel mit vielen Narben der Zeit – Unebenheiten, Fugen, Kratzer, Löcher – tauchen in den Fotos von Andreas Fux wieder auf. Auch eine riesige Säule. Beim ersten Blick auf die Fotos hatte man die noch zum Interieur des Industriebaus gezählt. War aber geschummelt, ist nicht echt – Höllenhunde gibt es ja auch nicht wirklich. Dafür gehen in der Galerie Fotografie und pneumatische Objekte eine sinnfällige Liaison ein.

Andreas Hergeth

„Kerberos und Chimaira“,Ausstellung von Andreas Fux und Harry Hauck, Galerie cubus-m, Pohlstr. 75, bis 22.10., Mi.–Sa. 15–19 Uhr

www.cubus-m.com

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