Siegessäule - Kunsthaus Tacheles ist per Gerichtsbeschluss gesperrt

Berlin

Kunsthaus Tacheles ist per Gerichtsbeschluss gesperrt


Bei der teilweisen Räumung kam es zu Tumulten zwischen Tacheles-Leuten, Security und Polizei. siegessaeule.de war dabei

Die Security greift die Menschenkette der Tacheles-UnterstützerInnen an
Die Polizei riegelt das Tacheles ab
Rechtsanwalt Schwemers Auftrag: Tacheles-Leute aus dem Haus entfernen. Auch optisch ist er ganz nah an den Hilfssheriffs der Security – schwarze Sonnenbrille ist Pflicht
Mitarbeiter der Security
vor dem Tacheles

siegessaeule.de 22.3.2012 – Gegen 16 Uhr eskaliert die Situation vor dem Tacheles in der Oranienburger Straße: UnterstützerInnen haben eine Menschenkette gebildet, um Mitarbeiter der Securityfirma, die das Haus seit heute Mittag besetzt hält, am Eintreten zu hindern. Einer von den Securitys prügelt sich den Weg frei – es entsteht eine Schlägerei zwischen Tacheles-Leuten und Security, die die Polizei nur mühsam unter Kontrolle bringt. Als eine der Tacheles-Frauen von drei Polizisten gewalttätig auf dem Boden fixiert wird, versuchen die Protestierenden sie freizukriegen, aber Momente später ist sie schon in einen Polizeibus geschleppt und wird davongefahren. Während im Minutentakt immer neue Mannschaftswagen der Polizei anrücken, skandiert die Menge vor dem Haus „Tacheles muss bleiben, Investor vertreiben“ und „Holt den Wowereit!“

Am Nachmittag hatte ein Gerichtsvollzieher Teile des Tacheles auf Veranlassung der Hamburger Anwaltskanzlei Schwemer, Titz & Tötter versiegelt, im Schutz der Polizei und nachdem die Security das Haus besetzt hatte. „Es kann doch nicht sein, dass hier eine Anwaltsindustrie wieder ihr Ding durchzieht“, sagt Martin Reiter vom Tacheles. Diese Kanzlei hat dem Vernehmen nach auch die Security-Firma engagiert. Anwalt Schwemer lässt sich am Donnerstag kurz vor dem Tacheles blicken, verzieht sich aber wieder, als Buh-Rufe gegen ihn laut werden. 

Schlägereien, bepisste Kunst, Drohung & der Senat schaut zu

„Im Grunde passiert hier nur sehr sichtbar, was in dieser Stadt ständig abläuft, aber wenn’s die kleine Oma von nebenan trifft, kriegt man es nicht so deutlich mit: Die Anwaltsindustrie vertreibt mit ihren Mitteln die Mieter, damit Investoren und Banker ihre Gewinne machen können“, sagt Reiter. In der Tat wird massiv vorgegangen: Bereits Ende 2011 (Bericht hier) besetzte die gleiche Securityfirma, die jetzt die Fäuste sprechen ließ, das oberste Stockwerk des Tacheles. Dort befanden sich unter anderem die Gemälde des weißrussischen Künstlers Alexander Rodin.

Als siegessaeule.de im Dezember gemeinsam mit Rodin mit den Security-Mitarbeitern vor Ort sprechen wollte, kam es zu wüsten Beschimpfungen und der Drohung, die Gemälde könnten auch „aus Versehen“ zerstört werden. Genau das ist später eingetreten: Einige der Gemälde wurden zerrissen, auf Skizzenbücher Rodins wurde uriniert, so Linda Cerner vom Tacheles. Geht es noch verächtlicher? In Berlin zerstören schwarze Sheriffs Kunstwerke und urinieren darauf? Die Kunstwerke von Alexander Rodin mussten von der Security-Firma unterdessen aufgrund eines Gerichtsbeschlusses herausgegeben werden.

Schlägereien, bepisste Kunst, Drohung: Der Berliner Senat hält sich auffällig zurück, wenn’s ums Tacheles geht, und so hat die Hamburger Anwaltskanzlei freie Bahn, wenn es darum geht, das Personal für’s Grobe ranzulassen. Alles im Sinne der Interesse der HSH Nordbank  – wir erinnern uns: Die HSH Nordbank ist eine der Pleitebanken, die in der Wirtschaftskrise mit Milliardenbeträgen vom Staat unterstützt werden musste, gegen die wegen Wirtschaftskriminalität, Untreue und Bilanzfälschung ermittelt wurde. In den Besitz der Grundpfandrechte des Tacheles gelangte die HSH Nordbank durch eine Krditüberschreibung der NordLB, nachdem die Fundus-Gruppe (Hotel Adlon etc) den Kredit nicht mehr bediente, mit dem das Gelände 1998 gekauft wurde.

Die rechtlichen Verhältnisse im Tacheles sind einigermaßen unklar. Die HSH Nordbank pocht auf ihre Grundpfandrechte, die KünstlerInnen verweisen auf laufende Mietverträge. Auf siegessaeule.de wird es demnächst ein Interview mit den Tacheles-Leuten geben, in dem sie ihre Lösungsvorschläge darlegen – die Bank und die Kanzlei Schwemer, Titz & Tötter haben bisher jede Auskunft verweigert. 

Der eigentliche Skandal ist jedoch, dass das Tacheles, eine einzigartige kulturelle Institution, einem mit übelsten Mitteln geführten Verdrängungskampf ausgesetzt ist – und der Senat schweigt dazu. Ist eine todsanierte Luxuswüste für Bessserverdienende mitten im Herzen der Stadt wirklich die Zukunft Berlins?
Christian Mentz

Diese Website verwendet Cookies, Google Analytics und den Adserver Google DFP. Wenn Sie diese Website weiter nutzen, stimmen Sie dem zu.
Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

OK