Siegessäule - Philippe Jaroussky: „Ein Job für Narzissten“

Musik

Philippe Jaroussky: „Ein Job für Narzissten“


Der schwule französische Countertenor hier im Interview über sein Leben, Opernarien und Kastraten

SIS im Dezember 2009 – In der kleinen Familie der Countertenöre ist der Franzose Philippe Jaroussky die Nummer eins; mit seiner Falsettstimme füllt er Konzertsäle. Parallel zu seiner neuen CD singt er am 23.11. im Konzerthaus Berlin

 

SIS: Wenn man so weit kommen will wie Sie, muss man viel Zeit investieren und auf vieles andere verzichten. Wie gehen Sie damit um?
Philippe Jaroussky: Ich gebe weltweit viele Konzerte, bin aber nur selten in Opernproduktionen vertreten. Das macht es etwas einfacher. Nach zwei Tagen bin ich wieder in Paris und versuche dort, das normale Leben eines 30-Jährigen zu führen. Andererseits verschafft mir mein Job natürlich auch viele Befriedigungen. Man lernt immer wieder interessante Leute kennen, erntet großen Applaus. Und ich darf in Interviews wie diesem immerzu von mir selbst erzählen. Es ist ein Job für Narzissten.

Bleibt da noch Zeit für eine Beziehung? Ich habe seit zwei Jahren einen Freund. Das hilft mir, mit beiden Füßen auf dem Boden zu bleiben. Als ich noch alleine war, stellte ich mir oft die Frage, warum ich mir das alles antue, all die Auftritte, das ständige Unterwegssein. Es ist schön, jemanden zu haben, der einen unterstützt.

Wie verbringen Sie die gemeinsame Zeit mit ihm? Wenn ich mit meinem Freund zusammen bin, versuchen wir, jede Minute auszukosten. Wir unternehmen dann gar nichts Besonderes, sondern genießen nur die Zweisamkeit und Ruhe. Das ist sehr wichtig, wenn man ein so verrücktes Leben führt wie ich.

Als Countertenor haben Sie sich auch immer stark für die Geschichte der Kastraten interessiert, deren Arien Sie singen. Was fasziniert Sie daran? Es sind einfach faszinierende Lebensgeschichten mit allen Ingredienzen, Tragödie und Triumph, Monstrosität und Erhabenheit. Andere hatten über sie entschieden und sie vor der Pubertät kastriert, um die jungenhafte Stimme zu erhalten. Es war damals ein europaweites Phänomen, das es heute ja nicht mehr gibt. Auf der Bühne waren sie wie Götter. Aber die Gesellschaft betrachtete sie nicht als richtige Männer. Einige waren sehr unglücklich und das Singen stellte für sie die einzige Daseinsberechtigung dar. Das verlieh ihrem Gesang diese Intensität. Das Publikum war deshalb so berührt, weil die Kastraten es verstanden, ihr ganzes Leben, ihr persönliches Drama in die Stimme zu legen. Viele Kastraten starben übrigens sehr bald nach ihrem endgültigen Abgang von der Bühne.

Auf den Coverfotos Ihrer CDs strahlen Sie manchmal eine sehr männliche Erotik aus. Muss man auch gewisse Bedürfnisse bedienen, wenn man auf dem Klassikmarkt erfolgreich sein will? Die Leute haben ihre eigenen Interpretationen. Man kann eben doch nicht alles steuern. Manchmal verliert man die Kontrolle über sein eigenes Image.

Merken Sie, dass Sie eine große schwule Fangemeinde haben? Ja, aber mit meiner Person direkt hat das eher wenig zu tun. Schwule lieben Kultur und die klassische Musik ganz besonders! Sie sind ein selbstverständlicher Teil des Kulturlebens – vielleicht weil sie eine besondere Sensibilität besitzen und keine Angst vor dem Ausdruck von Gefühlen haben. 

Interview:Torsten Träger

Philippe Jaroussky, „La dolce fiamma – Forgotten castrato arias“

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