Siegessäule - „Wir sind wie wir sind“ – 100 Jahre homosexuelle Liebe

Musik

„Wir sind wie wir sind“ – 100 Jahre homosexuelle Liebe


Beeindruckend und fesselnd: Eine Geschichte der Homosexualität in Songtexten deutschsprachiger Interpreten der letzten 100 Jahre

SIS 15.9.2010 – „Wir sind nun einmal anders als die andern/Die nur im Gleichschritt der Moral geliebt.“ Das „Lila Lied“ wird in den 20er-Jahren zur Hymne der ersten Homosexuellenbewegung in Deutschland. Es liefert den Titel nicht nur für Richard Oswalds legendären Film „Anders als die Andern“ von 1919, sondern auch für Ralf Jörg Rabers überaus spannende Zusammenschau „Wir sind wie wir sind. Ein Jahrhundert homosexuelle Liebe auf Schallplatte und CD“, die kürzlich im Männerschwarm Verlag erschienen ist.

Von den Anfängen – Otto Reutters Couplet „Der Hirschfeld kommt“ (1908), Claire Waldoffs „Hannelore“  (1928) und Wilhelm „Lieschen“ Bendows Hörspiel „Mies und Munter im Schlafwagen“ (1936!) – über diffamierende Kabarettstücke in den 60ern und gesellschaftskritische Chansons in den 70ern bis hin zu den Stücken der queeren Kreuzberger Electro-Band Rhythm King And Her Friends – Raber benennt und bespricht eine beeindruckende Fülle von Schallplatten und CDs, auf denen homosexuelle Liebe und nichtheteronormative Identitäten thematisiert werden.

Einige der ausgewählten Lyrics sind abwertend, andere emanzipatorisch. Das jeweilige gesellschaftliche Klima, Geschlechternormen und die Einstellung zur Homosexualität lassen sich an Songtexten besonders gut ablesen, denn Platten und CDs sind für den Verkauf bestimmt, gepresst wird nur, was mutmaßlich dem Geschmack der Bevölkerung entspricht. Auch die Rezeptionsgeschichte der Stücke ist oft aufschlussreich. Raber geht auf beides überlegt und kenntnisreich ein. Allerdings sind seine Kommentare, wie er selbst einräumt, stark subjektiv geprägt: Zwar zitiert er aus Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, die Aussage,  die Mehrheit der Schwulen in den 70er-Jahren sei überangepasst und ängstlich auf ihre männliche Erscheinung bedacht, ihr größter Feind sei die Tunte. Dennoch reagiert Raber selbst recht empfindlich, wenn er in einem Text das „Klischee vom femininen Schwulen“ entdeckt. Groß ist seine Sorge, Stereotype würden durch das ständige Zitieren der Verbindung von Schwulsein und Weiblichkeit verfestigt. Zugleich wertet er Claire Waldoffs Hannelore („Hannelore trägt ein Smokingkleid ...“ ) zu Recht als emanzipatorisch, obwohl doch hier ein ganz ähnliches Klischee bemüht wird.

Nichtsdestotrotz ist „Wir sind wie wir sind“ eine ungeheuer fesselnde Lektüre. Viele Interviews und Liedtexte machen die Arbeit abwechslungsreich. Der Autor vermittelt mit leichter Hand nicht nur musikgeschichtliches Wissen, er gibt auch einen schlüssigen Überblick über die neuere Geschichte der Homosexualität in Deutschland.     

Jasper Backer

Ralf Jörg Raber: „Wir sind wie wir sind. Ein Jahrhundert homosexuelle Liebe auf Schallplatte und CD“, Männerschwarm Verlag, 406 Seiten, 24 Euro

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