BEWEGUNGSMELDER

Am Ende der Regenbogenfamilie ...

7. März 2015

Die Kolumne von Dirk Ludigs

Mein Journalistenlehrer gehörte zu den besten seines Fachs. Er war auch ein furchtbarer Macho. Er pflegte Sachen zu sagen, wie: „Ich habe jetzt so oft im Stern gelesen, dass es okay ist, wenn eine Frau Karriere macht, ich möchte wenigstens einmal lesen dürfen, dass es okay ist, wenn eine Frau zuhause bleibt und kocht.“

Letzte Woche suchte der LSVD-Bundesverband auf Twitter „Fotomodels für eine Kampagne zu #Regenbogenfamilien“. Spontan kam mir mein alter Lehrer in den Sinn und ich twitterte seiner eingedenk zurück: „Ich habe jetzt so viele Kampagnen zu Regenbogenfamilien gesehen, wie wäre es mal mit einer Kampagne: Promisk und single ist auch okay!“

Ich muss dazu sagen, ich habe nichts gegen Regenbogenfamilien. Einige meiner besten Freundinnen leben in welchen. Ich bin auch selber kein Single und vergleichsweise nur mäßig promisk. Ich habe nur so ein Gefühl, dass der starke Fokus, den der LSVD seit Jahren auf Regenbogenfamilien richtet, unter Umständen haarscharf an der Lebenswirklichkeit von knapp 97,5% aller Schwulen, Lesben und Transgender vorbei schrammt, all jenen also, die gerade nicht in einer Regenbogenfamilie leben, nicht die Absicht haben, in einer Regenbogenfamilie zu leben, sich gerade in einem Rosenkrieg von ihrem Regenbogenpartner trennen oder sich schämen, weil sie es nicht geschafft haben, erfolgreich eine Regenbogenfamilie zu gründen.

Das Problem mit fotomodel-basierten Regenbogenfamilienkampagnen ist ja vor allem das Bild, das sie von Regenbogenfamilien zeichnen müssen, um überhaupt als Regenbogenfamilienkampagne wahrgenommen zu werden. Eine einzelne Lesbe mit Kind geht bei oberflächlicher Betrachtung als Kampagne für alleinerziehende Mütter durch, ein einzelner Schwuler mit Kind wird im Vorbeifahren von der Mehrzahl der Menschen als Kampagne gegen Missbrauch missdeutet. Ein Schwuler und eine Lesbe, cis- wie trans-, die gemeinsam ein Kind großziehen, taugen auch nicht als Fotomodelle.

Es hilft alles nichts, am Ende kommen grinsebackige Mama-Mama-Kind- oder Papa-Papa-Kind-Fotos in Fünfzigerjahre-Idyllen dabei heraus, Kleinfamilien als Heilsversprechen. Bilder, so rührend altbacken, dass sogar die meisten Heteros weinen müssen, wenn sie diese Regenbogenfamilienkampagnenmodels sehen, denn solche Vorzeigefamilien kennen sie persönlich nur aus Eigenproduktionen des ZDF. Es sind Bilder, die sagen: „Na, wärst du nicht auch lieber in einer intakten Regenbogenfamilie großgeworden – und nicht bei dieser karrieresüchtigen Hetera, die nicht kochen konnte und den drei versoffenen Stiefvätern?“

Der Heimatfilm-Effekt ist gewollt! Hinter der Rosamundepilcherisierung der LGBT-Welt durch den LSVD steht ein großer Plan zur Schaffung größtmöglicher Akzeptanz in der Gesellschaft, indem er alle Ferkeleien vergessen macht! Das ließ mich indirekt ein Mitarbeiter des LSVD wissen, der auf meinen Einwand zurücktwitterte, promiske Singles seien zwar auch „richtig & auch wichtig - aber eher innerhalb der eigenen Community. Hier geht‘s mehr um die Wirkung nach außen!“ Er bekam dann gleich vom Bundesverband ein dickes Favoritensternchen dafür.

Schade nur, dass man Wirkungen nicht so sauber trennen kann. Die Regenbogenfamilienkampagnen im Adenauer-Flair haben eben auch einen enormen normativen Druck nach innen, erhöhen gerade auf labile, von internalisierter Homophobie schon angezählte LGBT-Jugendliche den Druck endlich „erfolgreich“ zu sein, erzeugen ein Gefühl des persönlichen Scheiterns und diskreditieren alternative Lebensentwürfe. Wie es „innerhalb der Community“ wirklich aussieht, können die LSVD-Granden zum Beispiel bei den Kolleginnen der Deutschen Aids Hilfe erfragen, die gerade an einer Kampagne zur psychischen Gesundheit sitzen – eben weil sie der Lebenswirklichkeit von LGBT-Menschen in jahrzehntelanger Präventionsarbeit nahe gekommen sind. Ein LSVD, der sich wieder der Vielfalt der Lebensentwürfe und der Verletztlichkeit derer, die er zu vertreten gedenkt, bewusst wird, wäre übrigens auch mal ein schönes Ziel für eine Kampagne. Rein nach innen, natürlich!