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GLADT e.V. versus Maneos Kiss-In

14. Mai 2015
Elmar Kraushaar © Sven Gebert

Ein Kommentar von Elmar Kraushaar

Wenn alte Männer erzählen, erzählen sie gerne was vom Krieg. Nun habe ich glücklicherweise nichts vom Krieg zu erzählen, aber doch vom Aufruhr in früherer Zeit. Dem Aufruhr auf der Straße, auf der Wilmersdorfer Straße, um genau zu sein. Es war 1973, da traf sich eine Gruppe lesbischer Frauen und schwuler Männer zu ihrem ersten Kiss-In auf einer belebten und beliebten Einkaufsstraße. Die Idee dahinter war ganz schlicht: Um irgend etwas zu bewegen mit uns und in der Gesellschaft müssen wir Gesicht zeigen, unser Gesicht, ein homosexuelles Gesicht. Ohne Missverständnis, ohne Vertun, eindeutig und offen. Was wäre da besser geeignet als zwei Menschen des gleichen Geschlechts, sich küssend in aller Öffentlichkeit. Wir knutschten drauflos und ernteten Blicke der unterschiedlichsten Art - aggressiv und böse, interessiert und belustigt, genau so, wie wir es wollten. Und so viel historische Wahrheit muss sein, die Mädels küssten sehr viel leidenschaftlicher, sehr viel mutiger, wir Jungs, sagten sie später, seien feige gewesen.

Das Kiss-In ist eines der ganz wenigen Aktionsformen, das die Jahrzehnte überdauert hat. Maneo ruft am 17. Mai dazu auf, und GLADT e.V., die „Gays und Lesbians aus der Türkei“ sind dagegen. Maneo ruft zum Küssen im Wedding und in Kreuzberg auf, an jenen Orten also, an denen GLADT „in den letzten Jahren so viel erreicht“ habe. Und wo man sich diese Erfolge nicht zerstören lassen will durch einen Trupp, der „weiß“ ist, „cis-männlich-dominiert“, „respektlos“ und „arrogant“. Na, das sind ja mal Vorwürfe, die können sich hören lassen! Ein Cocktail der üblen Art, der keinen Widerspruch zulässt, der kein gemeinsames Reden mehr will.

Außerdem: Sich in aller Öffentlichkeit zu küssen, sei ein „sehr weißes und westliches“ Konzept. „Als sei es die Krönung der Emanzipation, wenn alle wissen, wen Mensch liebt und begehrt.“ Ob es die Krönung ist, darüber lässt sich debattieren, aber es ist eine Notwendigkeit für jeden Emanzipationsprozess, der den unbedingten Willen nach Gleichstellung und Akzeptanz artikuliert. Nur mit offenem Visier, im Kleinen wie im Großen, in der Familie wie am Arbeitsplatz wie auf der Straße, lässt sich grundlegend etwas bewegen. Alles andere ist Schmu. Eine westliche Idee, mag sein, so wie alle Ideen aus der lesbisch-schwulen Emanzipationsgeschichte im Westen ihren Ursprung haben und nirgends sonst.

Der schlimmste Satz in der GLADT-Erklärung ist meines Erachtens dieser: „Vor allem in Kreuzberg, wo viele verschiedene Communities und Szenen zusammenfließen und dadurch einen sehr vielfältigen und spezifischen Sozialraum bilden, mutet die Maneo-Aktion geradezu grotesk an.“ Hier wird das Bild von der multikulturellen Großstadt bemüht, das nach GLADT-Willen offensichtlich auskommen soll ohne Lesben und Schwule, auf jeden Fall sollen sie genau an diesen Orten nicht sichtbar sein. Welchem Konzept von Emanzipation wird denn hier das Wort geredet? Dass Homosexuelle - wenn es denn sein muss - sich nur zeigen sollen in Dahlem und am Müggelsee? Und auf jeden Fall die Bezirke meiden sollen, die als sogenannte „No-Go-Areas“ in Verruf geraten sind? Wenn das die Idee ist, sich seine Lebensräume zuweisen zu lassen von den Homogegnern, egal welcher Kultur, egal welcher Religion, egal welcher politischen Überzeugung, dann haben wir schon verloren. Denn diese Idee ist nichts wert, sie ist für‘n Arsch.

Elmar Kraushaar