Angriff auf zwei Frauen in London: Gerichtsverhandlung beginnt

Gewalt gegen Lesben: „Jede zweite erlebt körperliche Übergriffe“

20. Aug. 2019
© Guido Woller

Nach der Attacke auf ein lesbisches Paar in einem Londoner Bus sollen am 21. August vier Jugendliche vor Gericht stehen. Wir sprachen mit Soziologin Constance Ohms über das Thema Gewalt gegen Lesben

Ende Mai wurde ein lesbisches Paar in einem Londoner Bus bedrängt und zusammengeschlagen. Vier Tatverdächtige zwischen 15 und 17 Jahren sollen nun, am 21. August, vor einem britischen Jugendgericht erscheinen.

Update 22.08.: Die vier Jugendlichen haben vor dem Highbury-Corner-Jugendgericht in London auf nicht schuldig plädiert, das lesbische Paar aus homophoben Motiven angegriffen zu haben. Das Gerichtsverfahren soll am 28. November beginnen, zwei Verhandlungstage sind angesetzt.

Der Fall rückt ein Thema in den Fokus, das in der öffentlichen Debatte sonst eher vernachlässigt wird: Gewalt gegen lesbische Frauen. Wir sprachen darüber mit der Soziologin und Autorin Constanze Ohms, deren Buch „Gewalt gegen Lesben“ im Querverlag erschienen ist. Außerdem leitet sie die Fachberatungsstelle „gewaltfreileben“ in Frankfurt am Main

Constanze, der Bericht über die Attacke in London ging um die Welt. Ein auf Facebook gepostetes Foto der angegriffenen Frauen wurde vielfach in sozialen Netzwerken geteilt und stieß auf große Anteilnahme – es gab aber auch Kritik, zum Beispiel wegen vermeintlicher Zurschaustellung weiblicher Opfer. Wie siehst du das? Diesen beiden Frauen ist es gelungen, mittels digitaler Medien die Aufmerksamkeit auf ein Thema zu legen, das auch in queeren Medien so gut wie nicht aufgegriffen wird – nämlich vorurteilsmotivierte Gewalt gegen Lesben. Insofern ist es wichtig, diesem Angriff mediale Präsenz zu geben.

Wie sehen die Untersuchungen zu homophob motivierter Gewalt gegen Lesben* aus, auch im Vergleich zur Gewalt gegen Schwule? Eine US-Studie von 2010 belegt, dass 46 Prozent der befragten lesbischen Frauen* in ihrem Leben sexualisierte Gewalt erlebt haben, aber auch 40 Prozent der schwulen Männer*. Die europäische Studie aus 2012 zeigt, dass in Deutschland 68 Prozent der Schwulen und 51 Prozent der Lesben wegen ihrer sexuellen Orientierung körperliche Gewalt erlebt haben. Wir müssen uns das mal vergegenwärtigen: Jede zweite Lesbe hat körperliche Übergriffe erlebt, weil sie lesbisch ist, und drei von fünf Schwulen. Das ist ein unglaubliches Ausmaß.

Gibt es Merkmale homophober Gewalt, die sich speziell auf Lesben* beziehen? Frauen* sind vor allem sexualisierter Gewalt ausgesetzt, von „nur“ geiferndem Zunge rausstrecken über Griff in den Schritt oder an die Brust bis hin zur Vergewaltigung. Das Geschehen in London hat einen eindeutig sexistischen Hintergrund. Die Frauen* wurden aufgefordert, sexualisierte Handlungen vorzunehmen, und sind nach ihrer Weigerung zusammengeschlagen worden. Sexualität zwischen Frauen* wird nicht als solche vollwertig angesehen, allenfalls als Vorspiel für „ihn“.

Bei dem Übergriff in London sahen die Opfer sehr jung und „feminin“ aus. Denkst du, dass der Aufschrei auch so laut ausgefallen wäre, wenn es sich bei den angegriffenen Frauen* um Butchlesben gehandelt hätte? Bevor ich die wichtige Debatte aufmache, ob die Gewalt gegen Lesben ein weltweit derartig großes mediales Echo erhalten hätte, wenn sie nicht heterosexistischen Vorstellungen von Weiblichkeit entsprochen hätten, zeigt doch dieses Geschehen, dass jede Frau* sexistische und/ oder lesbenfeindliche Gewalt erleben kann. Dass wir, auch wenn wir bestimmten kulturell verankerten Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit entsprechen, nicht geschützt sind vor heteropatriarchaler Gewalt. Gerade diese beiden Frauen verdeutlichen das in besonderem Maß. Physische Schönheit ist stark normiert, und grundsätzlich – das gilt für Homos, trans* Personen, Queers oder Heteros gleichermaßen – leiden wir mehr mit, wenn „schönen“ Menschen etwas Schreckliches widerfährt. Entspricht man dem Schönheitsideal, hat man in dieser Gesellschaft deutliche Vorteile. Der Umstand, dass die beiden Frauen einem europäischen Schönheitsideal entsprechen, kann dazu beigetragen haben, dass die Gewalt gegen sie eine derartig große mediale Resonanz erfahren hat – mit der Folge, dass lesbenfeindliche Gewalt sichtbar geworden ist. Wir erleben seit einigen Jahren eine Auflösung der Geschlechtergrenzen; Männlichkeiten, Weiblichkeiten und andere Geschlechtsrepräsentationen finden sich neu. Wir leben in einer erodierenden heteropatriarchalen Gesellschaft – zunehmender Frauenhass, zunehmender Rassismus, zunehmende Homo- und Transfeindlichkeit sind Ausdruck dessen.

Du hast in deinem Buch „Gewalt gegen Lesben“ (2000) festgestellt, dass es fast immer junge Männer in Gruppen sind, die Lesben* und Lesbenpaare angreifen. Warum ist das so? Der Angriff in London hat möglicherweise etwas mit der Selbstvergewisserung einer bestimmten Form von Männlichkeit zu tun. Mit dem heteropatriarchalen Bild von Weiblichkeit andererseits geht die Annahme einher, Frauen* seien willfährige Opfer, das heißt ihnen wird die Fähigkeit zur Gegenwehr oder gar zu eigenem gewalttätigem Handeln abgesprochen. Bei normabweichenden Geschlechtsrepräsentationen entfällt die vermeintliche Gewissheit, ein „gutes“ Opfer vor sich zu haben. Allgemein greifen Täter nur Menschen physisch an, wenn sie vermuten, diesen körperlich überlegen zu sein; sonst würde das Verhalten keinen Sinn ergeben.

Andererseits ist die Gekränktheit der männlichen Angreifer vielleicht sogar noch größer, wenn die Frauen* männlicher auftreten und damit dem männlichen Angreifer Konkurrenz machen? Butches und trans* Frauen erfahren meist sehr schwere körperliche Gewalt; hier geht es häufig auch darum, das Überschreiten von Geschlechtergrenzen zu sanktionieren. Binäre trans* Frauen gelten als „Verräterinnen“ der heteropatriarchalen Ordnung, sie sind bereit, männliche Privilegien für ihre Kerngeschlechtsidentität zu „opfern“. Butches stellen, ebenso wie queere oder nicht binäre Menschen, die binäre Geschlechterordnung generell infrage. Darauf reagieren einige mit Wut und Hass. Ich vermute, weil ihr ganzes Sein auf dem „Zwei-Schachtel“-System aufbaut.

Welche Traumata haben speziell lesbische Frauen*, die zu Opfern gemacht wurden? Lesbische Frauen*, die physische, sexualisierte oder psychische, verbale Übergriffe erleben, werden grundsätzlich in zwei Aspekten ihres Seins infrage gestellt: ihrer sexuellen Orientierung und ihrer Geschlechtlichkeit. Bei einigen Frauen* kommen noch andere Faktoren hinzu, beispielsweise eine Beeinträchtigung oder eine Migrationsbiografie. Das Wissen um die Verwobenheiten ist für die psychosoziale Arbeit mit lesbischen Opfern von Gewalt von besonderer Bedeutung. Immer wieder muss ich erleben, dass Klient*innen zu mir kommen und von Therapeut*innen berichten, die das Erleben von sexuellem Missbrauch in Verbindung bringen mit ihrer sexuellen Orientierung. Es stellt ja auch niemand infrage, warum eine Frau*, die in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurde, heterosexuell geworden ist. Es geht also zuvorderst darum, das eigene Sein bedingungslos zu akzeptieren und die mögliche tief greifende Erschütterung des Selbstbildes, des Selbstwerts und des eigenen Seins als Folge der Gewalt wahrzunehmen.

Wie werden Hilfsangebote für lesbische Frauen*, die Opfer von Gewalt wurden, angenommen? Meiner Erfahrung nach erstatten lesbische Frauen in der Regel seltener Anzeige als schwule Männer – auch wenn hier die Dunkelziffer ebenfalls sehr hoch ist. Aber es gibt nach wie vor die Befürchtung, an den „Falschen“ zu geraten. Auch wenn sich inzwischen durchgesetzt hat, dass Frauen* von Beamt*innen befragt werden können, geschieht das meist nur im Kontext von sexualisierter Gewalt oder häuslicher Gewalt. Lesbische Gewaltopfer richten sich auch nur sehr, sehr selten an Opferhilfeeinrichtungen oder an Frauenberatungsstellen, wenn diese nicht offensiv mit ihrer Zugänglichkeit für lesbische Frauen werben. Ein Leben mit Diskriminierungen und möglichen Gewalterfahrungen lässt Menschen vorsichtig gegenüber Einrichtungen des Mainstreams werden.

Interview: Anette Stührmann

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Foto: Constance Ohms

Constance Ohms: „Gewalt gegen Lesben“, Querverlag, 176 Seiten, zurzeit vergriffen

gewaltfreileben.org