Kolumne zur Coronakrise

Ein virtuelles Gemeinschaftsgefühl!

25. März 2020 Sigrid Grajek
Bild: Guido Woller
Sigrid Grajek

Kabarettistin und SIEGESSÄULE-Kolumnistin Sigrid Grajek erzählt, wie sie als Künstlerin der Coronakrise begegnet

Da hocken wir Nachtschwärmer*innen also auf dem Sofa: Endlich Cocooning – HURRA! Ach ne, ist ja nicht freiwillig. Dann macht das doch gar keinen Spaß…

Mir sind als darstellende Künstlerin natürlich alle Auftritte abgesagt worden. Täglich werden es mehr. Gestern sogar einer, der für August geplant war. Das zeigt deutlich, wie viel Verunsicherung und Angst da draußen unterwegs ist. Ich habe das große Glück existentiell nicht sofort komplett abzustürzen. Freund*innen und Fans haben zu meinem 55. Geburtstag eine große Benefiz-Aktion gestartet, um mich in Urlaub zu schicken. Da war ich auch, aber billig. Vom Geld, was noch da ist, lebe ich jetzt und hoffe, dass ich Unterstützung vom Senat bekomme. Wenn nicht, gehe ich Spargel stechen.

Was mich unglaublich freut, ist die große Welle der Solidarität. Es melden sich so viele Menschen bei mir und fragen, ob ich finanzielle Hilfe benötige oder sonst irgendwas. Das höre ich auch von anderen. Ich bin ja eine große Anhängerin von solidarischem Handeln und deshalb gibt mir das sehr viel Hoffnung. Und die brauchen wir alle gerade. Deshalb basteln wir Künstler*innen ja an allen Ecken und Enden im Internet herum, um so viel Kultur wie möglich an das Publikum zu bringen. Letzten Samstag z. B. haben wir aus der Bar Incognito auf Facebook gestreamt (unter Einhaltung des Mindestabstandes natürlich!) und es hat allen gut getan. Den Darstellenden und den Zuschauenden. Es gab ein virtuelles Gemeinschaftsgefühl. Das war sehr schön.

Durch Besonnenheit, Freundlichkeit und Zuversicht die persönlichen Kräfte wahren

Letztendlich glaube ich, daß jede*r auf eigene Weise etwas tun kann, um die Laune oben zu halten. 14 Tage alleine zu sein, kann sehr lang sein, wenn das negativ als Einsamkeit empfunden wird. Auch da habe ich Glück: Ich liebe es, allein zu sein und bin es durch meinen Beruf für meinen Geschmack oft zu wenig. Jetzt kann ich in aller Ruhe tagträumen, meinen Gedanken nachhängen, in der Wohnung herum werkeln, den Stapel Bücher auf meinem Nachttisch lesen, meine Notenberge sortieren etc. pp. Da ich weiß, dass das aber nicht allen so geht, habe ich mir zur Aufgabe gemacht, in den sozialen Netzwerken täglich mindestens einen positiven Post zu setzen. Einen aufbauenden Spruch, einen Hinweis auf Unterstützung und Hilfe für Menschen, die in die Krise geraten, ein Bild von meinen umgetopften Tomaten-Sprösslingen.

Ich halte mich von Verschwörungstheorien und hitzigen Diskussionen über die Berechtigung der strikten Maßnahmen fern. Reißerische Schlagzeilen halte ich gerade für kontraproduktiv. Ich sehe mir regelmäßig die Pressekonferenz des Robert-Koch-Instituts an. Dann bin ich aus erster Hand informiert. Ich glaube, wir brauchen gegen diese Pandemie und ihre Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens entsprechend auf allen Ebenen alle Kräfte, die zur Verfügung stehen. Meine Strategie ist, durch Besonnenheit, Freundlichkeit und Zuversicht meine persönlichen Kräfte zu wahren und wenn möglich sogar zu vermehren, damit ich in der Verfassung bin und bleibe, solidarisch diejenigen zu unterstützen, die mit der Situation nicht so gut klar kommen.

Und ich freue mich jetzt schon auf die Feste für das Leben, die wir feiern werden, wenn dieser Albtraum vorbei ist!!!!

Sigrid Grajek: Berliner Luft - Lieder der 1920er Jahre, 04.04., 20:30, Livestream: bka-theater.de und facebook.com/BKA.Theater

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