CSD 2014

Wo geht's denn hier zum CSD?

22. Juni 2014
© Brigitte Dummer

22.06. – Aufgrund der vielfältigen Streitereien um den CSD in diesem Jahr hatten die Berliner das Glück zwischen drei CSDs wählen zu können. So mancher irrte allerdings etwas orientierungslos umher bzw. hatte Mühe herauszufinden, welche CSD-Parade denn da nun gerade an ihm vorbeizog. Gleich zwei neue Prides hatte man aus der Taufe gehoben: „Ein CSD in Kreuzberg“ und der „CSD Berlin 2014“ des Aktionsbündnisses.  Für Letzteren hatten sich gegen zwölf Uhr rund 3.000 Menschen in der Axel-Springer-Straße versammelt. Mit dabei waren unter anderem die Berliner Aids-Hilfe, queeramnesty und die Wagen der SPD, der Grünen, der FDP und CDU. Klaus Wowereit betonte in seiner Eröffnungsrede, dass es sich bei der Aufspaltung des CSD nur um einen vorübergehenden Zustand handeln dürfe und dass das Aktionsbündnis alles daran setze, die Streitigkeiten zu beenden. Ironischerweise hatten zwei Jungs während seiner Rede hinter ihm ein großes Transparent entfaltet mit der Aufschrift: „Die SPD auf dem CSD: Pure Heuchelei“. Genau für solche Brüche und politische Statements schätzt man den CSD. Auch im weiteren Verlauf begleiteten die beiden mit ihrem Transparent den SPD-Truck und stahlen damit dem extrem übermotivierten Tänzer die Show, der den Wagen eigentlich anführen sollte und mit seiner SPD-Fahne lustige Pirouetten drehte.

Einige Teilnehmer waren in Häftlingskleidung erschienen und hatten ihre Gesichter rot beschmiert, um auf die Situation in Staaten wie Jamaika und Nigeria aufmerksam zu machen, wo Homosexuellen Gefängnis oder sogar die Todesstrafe droht. Von Passanten wurde diese Botschaft nur in sehr begrenztem Umfang wahrgenommen. Allzuoft hatte man auf der Route das Gefühl, durch ein Niemandsland zu wandern, begleitet von ein paar verdutzten Blicken, die von dem unerwarteten Aufmarsch überrascht wurden. Im Laufe der Demonstration soll laut Veranstalter immerhin die Zahl der Teilnehmer auf 10.000 angewachsen sein.

Deutlich mehr Menschen fanden sich auf der Parade des CSD e. V. ein. Zu den Höhepunkten hier gehörten sicherlich die zum ersten Mal in Uniform auf einem Berliner Pride auftretenden Polizisten aus verschiedenen Ländern. Ebenfalls markant war der kleine, als Krone der Freiheitsstatue umgestaltete Wagen der US-Botschaft. Eine Soul-Sängerin und zwei muskulöse Jungs mit großen Regenbogenfahnen – als Kopfschmuck trugen sie das Empire-State- und Chrysler-Building – ließen ein bisschen CSD-Feeling aufkommen. Im Gegensatz zu den meist völlig nichtssagenden Trucks, die folgten und mit pumpenden Einheits-Beats, die Straße beschallten.

So sehr hatte sich der CSD e.V. eine stärkere Politisierung gewünscht, doch so unpolitisch war der Pride wohl noch nie. Hier zeigte sich, wie kontraproduktiv es war, einen Teil der engagierten Community mit seinem Verhalten zu verprellen. Abseits des diesjährigen CSD-Mottos suchte man politische Inhalte vergebens. Stattdessen hatten sich zahlreiche Teenies in Feierlaune und mit aufgemalten Deutschlandflaggen im Gesicht hierher verirrt, die wahrscheinlich zu den Public Viewings wollten. Selbst auf manchem Wagen waren kaum noch Homos auszumachen. Wie da bierselig unter billigen Party-Perücken das Tanzbein geschwungen wurde, erinnerte an die Berliner Love Parade in ihren bittersten Stunden. Über weite Strecken war das nicht einmal mehr als Homo-Veranstaltung, geschweige denn als Demo zu identifizieren. Nach Wagennummer 22 und einem vergleichsweise kurzen Zug war dann auch schon Schluss. Dadurch dass die Parteien sich dem Aktionsbündnis angeschlossen hatten, wurden politische Botschaften auf dem Pride des CSD e. V. fast unsichtbar. Reibungspunkte fehlten wohl einfach. Hier hatte man ja nicht mal die Möglichkeit, geschlossen die CDU für ihre homophobe Politik auszupfeifen. Ein ziemliches Desaster, das hoffentlich auch als solches erkannt und sich nicht schon wieder schön geredet wird. Durch die Spaltung des CSDs hat in diesem Jahr niemand gewonnen. Während die inhaltlich stärkere Demo des Aktionsbündnis kaum Publikum fand, musste man auf dem großen CSD nicht nur politische Inhalte, sondern über weite Strecken auch sexuelle Vielfalt mit der Lupe suchen.

Immerhin, es gab Stars: überraschenderweise auf dem Kreuzberger CSD. Am Straßenrand tauchte Ex-Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsperger auf, den man wohl hier eher nicht erwartet hätte. Eröffnet wurde die Veranstaltung unter anderem von dem LGBTI-Aktivisten Patras Bwansi aus Uganda, der das Phänomen der Homophobie in weiten Teilen Afrikas als Auswirkung des Europäischen Kolonialismus kennzeichnete. Ebenfalls in einem Redebeitrag angesprochen wurden die Anschuldigungen und Shitstorms in sozialen Medien wie Facebook. Anlass hierfür waren die Auseinandersetzungen um den Transgenialen CSD. Nach den Debatten um eine mangelhafte Repräsentanz von People of Color im Rahmen des tCSDs, wurde dem Orga-Team auf Facebook mit purer Menschenfeindlichkeit begegnet und jeder konstruktive Dialog so verhindert. Während der Demo startete eine Gruppe vom Dach des Neuen Kreuzberger Zentrums ein Feuerwerk. Entrollt wurde ein Banner mit der Aufschrift „Wir werden nackt geboren. Der Rest ist Drag. Fuck Identity“. Um politische Zeichen zu setzen, bedurfte es hier keiner Parteien.

Andreas Scholz