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Eurovision Song Contest

„We are unstoppable"

Wie der Phoenix aus der Asche: Conchita Wurst gewinnt den Eurovision Song Contest 2014

11.05. – „We are unstoppable“ waren die Worte von Conchita Wurst nach ihrem triumphalen Sieg des Eurovision Song Contest 2014. Ein Slogan, der wohl zukünftig noch oft zitiert werden wird. Mit feurigen Engelsflügeln, der hochdramatischen Shirley-Bassey-Gedächtnis-Nummer „Rise like a Phoenix", aber auch einer grandiosen Stimme war die Dragqueen mit Bart dem Rest des Teilnehmerfeldes überlegen. Dass sie für Österreich antrat, war im Prinzip genauso egal, wie dass der deutsche Beitrag abgeschlagen auf dem 18. Platz landete. Fürs Wir-Gefühl brauchte es diesmal kein nationales Daumendrücken. Im Gegenzug spiegelte sich allerdings der Russland-Ukraine-Konflikt deutlich in der Veranstaltung wider. Wann immer der russische Beitrag Punkte erhielt, folgte ein ausuferndes Buhkonzert, was natürlich weniger dem Auftritt selbst als der russischen Außenpolitik und der homophoben Gesetzgebung galt.

Zumindest an diesem Abend hat Gayropa – das Lieblingsschimpfwort rechter Populisten für ein dekadentes und für Homo-Rechte streitendes Europa – einen Sieg eingefahren und ein Zeichen für mehr Toleranz und Akzeptanz gesetzt. So ganz richtig ist das allerdings nicht! Denn blickt man allein aufs Zuschauervoting hätte es auch aus als homophob verschrieenen Ländern wie Weißrussland, Aserbaidschan, Polen, Armenien oder Russland 7, 8 oder 10 Punkte für Frau Wurst gehagelt. Doch seit der Neuregelung im Jahr 2010 geht eine Jury-Entscheidung zu 50 Prozent in die Endausrechnung mit ein, was die Wertung für die Österreicherin erheblich nach unten drückte. Man weiß also offensichtlich auch in diesen Ländern eine gelungene Genderfuck-Performance mit überraschend zwingender Eurovisionsdramatik zu schätzen. Und das trotz der Petitionen und Boykott-Aufrufe, die dort gegen Conchita Wurst und ihr „inakzeptables" Auftreten gestartet wurden. Auch die etwas mageren 7 Punkte aus Deutschland für Österreich waren nicht Ausdruck fehlender Community-Unterstützung. Ohne die ziemlich beliebig ausgesuchte Jury – welche Kompetenz sollten denn bitte Rapper Sido oder die 18jährige Madeline Juno, die bereits in der ersten Runde des deutschen ESC-Vorentscheids rausgeflogen ist, eigentlich mitbringen – wäre auch aus Deutschland verkündet worden: and 12 points go to Austria!

Ob Conchitas Sieg bei einer trashigen Unterhaltungssendung wie dem ESC wirklich eine gesellschaftspolitische Relevanz hat, wie zum Beispiel die Irish Times titelte, sei dahingestellt. Zu wünschen wäre es jedenfalls und im Moment überwiegt sowieso die Euphorie! Zumindest hat der Sieg dem ESC noch einmal ein verspätetes offizielles Coming-out als LGBT*-Veranstaltung geschenkt, für all diejenigen, die in den letzten Jahren noch blind genug waren, um das zu leugnen.

Abseits von Conchitas Sieg haben wir uns natürlich auch über die vielen grotesk-überzogenen Darbietungen gefreut, die der eigentliche Motor der Show sind. Diesmal dabei: zum Beispiel der alberne Auftritt der Polen mit dickbusigen Damen, die auf der Bühne Butter stampften, was wohl eine Parodie auf sexistische Rollenbilder sein sollte, aber eher in die andere Richtung kippte. Ebenfalls unfassbar: Die Sängerin des Ralph-Siegel-Beitrags hatte sich als eine Art Perle tatsächlich in eine Stoffmuschel gestellt. Dagegen präsentierte die Schwedin ihre Powerballade in einer martialischen Albert-Speer-Lichtdom-Inszenierung. Leider setzt sich aber beim ESC zunehmend der Trend zu durchschnittlicher, alltagstauglicher Popmusik durch, der das ganz große Drama eher abgeht. Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben sollte der legendäre Peter Urban, der vor allem die beiden Semifinale derart ungnädig und verrisswütig präsentierte, dass sich so manche Kommentatorin in Drag bei den Public Viewings wohl um ihren Job betrogen fühlte.



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