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Kommentar

Das Genie, das Frauen hasste? Zu den Reaktionen auf Karl Lagerfelds Tod

Nach dem Tod Lagerfelds wurde immer wieder ein Bild des Modeschöpfers als sexistischer Frauenhasser gezeichnet. Der Berliner Avantgarde-Künstler Wolfgang Müller findet diese Reaktionen unangemessen

Wolfgang Müller (li.) und Karl Lagerfeld, 1991

04.03.19 – Manche Reaktionen zum Tod des Modeschöpfers Karl Lagerfeld erinnern daran, mit welcher Boshaftigkeit Marlene Dietrich aus Deutschland nach 1945 empfangen wurde. Es ist ja nicht so, dass der Berliner Weltstar in seinem Leben ausschließlich politisch Korrektes gesagt hätte. Doch in entscheidenden Punkten hat sich Marlene Dietrich klar positioniert, als Antifaschistin. Für die bittere Trümmerfrau und den grimmigen Soldatengatten, die beide dem Dritten Reich nachtrauern, muss die Eleganz einer Marlene Dietrich im Film „A Foreign Affair“ von 1948 von Billy Wilder daher ein Schlag in die Fresse gewesen sein. Wer sich an die Blamage bei ihrer Beerdigung 1992 in Berlin erinnert – den amtierenden PolitikerInnen gelang es nicht mal, eine offizielle Feierstunde zu organisieren – der ahnt, wie tief Ärger, Frust, Neid und Angst bei den Überlebenden sitzen können.

Auch in den Nachrufen über Karl Lagerfeld verspürte ich zuweilen einen völlig unangemessenen Tonfall. Ok, die bitterböse Ironie des genialen Modemachers verstehen nicht alle. Manche seiner Zitate werden wörtlich gelesen. Andere Erzählungen wie die über seine Behindertenfeindlichkeit sind offenbar frei erfunden und wabern als Legenden im Netz. In einem TV-Interview der 80er konfrontierte ein Journalist Lagerfeld mal mit einem extrem misogynen Spruch. Lagerfeld: „Wo haben Sie das denn her? Hat sich jemand ausgedacht.“ Wer sich an Tom Kummers fünfzig frei erfundene Interviews mit Hollywoodstars erinnert, die im Magazin der Süddeutschen Zeitung, Tempo und anderen Medien abgedruckt wurden, der weiß, wie schnell Dichtung Wahrheit werden kann.

Nun kam Lagerfeld nicht aus dem Krieg, als er 2018 rassistischen Mumpitz losließ. Doch die vergiftete Atmosphäre und das Leid, welche die brutalen Attentate durchgeknallter junger Franzosen – nicht etwa Geflüchteter – in Frankreich erzeugten, vernebeln so manchen Blick. Denn Angela Merkel hat weder „Flüchtlinge geholt“ noch stimmt die Gleichung: ‚Flüchtling gleich Antisemit‘, ein dummer Kurzschluss des 84-jährigen Modemachers. Schade.

Nollendorfblogger Johannes Kram konstruiert in seinem Beitrag „Karl Lagerfeld und der schwule Mann als Sexist“ dagegen eher das Bild einer dekadenten Klemmschwester, die konsequenterweise ein expliziter Frauenhasser ist. Das Bild bedient eines der bekanntesten Homosexuellen-Stereotype aus dem Terrorarsenal der Normativität. Es zieht sich hin von Oscar Wilde über Truman Capote, William S. Burroughs, Rainer W. Fassbinder, Kenneth Anger bis zu Andy Warhol: Der solitäre homosexuelle Superstar, das Genie, welches Frauen hasst und ausnutzt (= Konkurrentinnen) und nur eine einzige Frau liebt: die engste Vertraute, mit der er dann entweder übel lästert oder shoppen geht.

Heutzutage steht hinter der Reproduktion des Stereotyps bisweilen auch bittere Enttäuschung. Nämlich, dass sich ein prominenter Homosexueller – während „wir“ hart, ja auch für seine Freiheit kämpften – sich zeitlebens nie zu „uns“ auf das gemütliche Regenbogensofa gesetzt hat, geschweige denn eine fulminante Schwulen-Gala eröffnete oder beim ESC seine Nationalflagge schwang. Jetzt heißt es, den Ignoranten und Verräter posthum einzugemeinden. Dafür stehen vorhandene Schubladen bereit.

Offensichtlich zeichnen die Menschen, die mit Lagerfeld gearbeitet haben und ihn persönlich kannten, völlig andere Bilder. Und auch ich habe in den Stunden, als Lagerfeld 1991 mit Zazie de Paris und Claudia Schiffer im Kumpelnest 3000 ein Foto-Shooting machte, so gar nichts von all den Lagerfeld negativ zugeschriebenen Attributen entdeckt – im Gegenteil. Er engagierte spontan den gehörlosen Aids-Aktivisten und Gründer der „Verkehrten Gehörlosen“ Gunter Trube, der als Drag anwesend war, bat mich um DGS-Gebärdenübersetzung und kommunizierte entspannt und witzig mit „Sunshine“, einer Szenebekannten „Outsiderin“, die zufällig reinspazierte und hörbar giftig zischte: „Geh doch wieder nach Paris!“ Nach dem Tod von Gunter Trube 2008 überließ Lagerfeld seine Fotos mit dem Gehörlosenaktivisten umgehend dem Berliner Ein-Mann-Verlag-Martin Schmitz zur Reproduktion im Buch „Gebärde Zeichen Kunst“, kostenlos.

Und jetzt seien „wir“ mal ganz ehrlich: Die misogynsten Witze fallen doch immer noch in den Gay-Bars der Stadt. Dort, wo Lagerfeld nie war. Stimmt’s oder habe ich Recht?

Wolfgang Müller



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