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Kommentar

Ein Griff ins Klo: Kramp-Karrenbauers Witz über intergeschlechtliche Menschen

Kabarettistin und SIEGESSÄULE-Autorin Michaela Dudley kommentiert Karrenbauers Karnevalswitz, der auf intergeschlechtliche Menschen zielte

Annegret Kramp-Karrenbauer © Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0

04.03.19 - Zuerst einmal alaaf und helau allerseits. Es wäre schön gewesen, den Rosenmontag mit einer eher heiteren Meldung einzuläuten. Doch zum einen tobt das lebensgefährliche Sturmtief Bennet mit Windböen von mehr als 100 Sachen quer durch Deutschland, das viele Faschingsumzüge ins Wasser fallen ließ und auch vor Berlin nicht halt machte. Zum anderen wurde ein Tiefpunkt bereits zur Weiberfastnacht erreicht, als sich CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer einen Witz auf Kosten intergeschlechtlicher Menschen leistete. Als das Video ihres Auftrittes beim Stockacher Narrengericht in Baden-Württemberg dann am Wochenende viral ging, erntete AKK Sturm.

Für die einen sei die Aufregung nichts als ein Sturm im Wasserglas. Aber für die LGBTI-Community und unserer Mitstreiter*innen ist es ein Griff ins Klo. Dabei handelt es sich tatsächlich um einen Toilettenwitz, mit dem Kramp Karrenbauer auf eine Minderheit zielte, und zwar mit einem besonders billigen: „Guckt Euch doch mal die Männer von heute an: Wer war denn von Euch vor Kurzem mal in Berlin, da seht Ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion die, die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür – dazwischen -ist diese Toilette.“ Tata, tata.

Auf der ausverkauften Sitzung gab es Applaus. Doch jenseits des Narrengerichtes zu Stockach schlug die einfallsarme Büttenrede hohe Wellen der Empörung. Selbst innerhalb der Union hagelte es Kritik. Der Bundesverband der Lesben und Schwulen der CDU forderte entsetzt eine Entschuldigung von Kramp Karrenbauer. Verbandsvorsitzende Alexander Vogt, der sich im SWR dazu äußerte, erwarte ein klärendes Gespräch mit der CDU-Chefin. Denn „man macht ja auch über andere Minderheiten keine Witze mehr“.

Um zu verstehen, dass Karrenbauers Karnevals-Kalauer bar jeglicher Sensibilität ist, sollte man sich folgendes durch den Kopf gehen lassen: Laut Angaben des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschlands (LSVD) leben derzeit schätzungsweise 100.000 intergeschlechtliche Menschen in der Bundesrepublik. Es ist vielmehr ein Überleben, denn sie sind schon von Geburt an menschenunwürdigen Umständen ausgesetzt. Viele kämpfen  lebenslänglich, um die „biologistische Zweitgeschlechtlichkeit“ zu überwinden, und der Kampf hinterlässt physische sowie psychische Narben. Vor einem Monat wurde die Studie „Häufigkeit normangleichender Operationen ,uneindeutiger’ Genitalien im Kindesalter“ von der Ruhr-Universität Bochum veröffentlicht. Das Fazit: Zwischen 2005 und 2016 ist die Zahl der normangleichenden Genitaloperationen an intergeschlechtlichen Kindern in deutschen Krankenhäusern leider nicht rückläufig geworden, auch wenn die medizinischen Leitlinien inzwischen vor ebensolchen Eingriffen warnen. Rund 2000 solcher Zwangsoperationen werden jährlich in Deutschland durchgeführt. Mitte Februar 2019 hatte das EU-Parlament deren Verbot gefordert. Die körperliche Unversehrtheit intergeschlechtlicher Menschen solle endlich gesetzlich anerkannt werden.

Noch schweigt AKK zu ihrem verächtlichen Witz auf Kosten einer Minderheit. Sie scheint den Sturm einfach aussitzen zu wollen. Doch es wäre an der Zeit,  Stellung zu beziehen.

Michaela Dudley




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