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Queere Schnüfflerin: „Border“

Der letztes Jahr in Cannes mit dem „Prix un Certain Regard“ ausgezeichnete schwedische Film „Border“ sitzt zwischen allen Stühlen: Er ist Coming-out-Drama, Thriller und queeres Horrorkino

Eva Melander in „Border“ © Wild Bunch Germany

08.04.19 – Die schwedische Grenzbeamtin Tina verfügt über eine außergewöhnliche Fähigkeit: Sie hat einen geradezu animalischen Geruchs- und Spürsinn, mit dem sie Menschen, die etwas zu verbergen haben, förmlich riechen kann. Selbst Schmuggelware oder wichtige Beweismittel erschnüffelt sie mit ihrer Nase. Nicht nur ihr besonderes Talent, auch ihr seltsam deformiertes Gesicht unterscheidet Tina von ihrem Umfeld.

Eines Tages trifft sie während der Schicht auf einer Zollstation auf Vore, der ähnliche physische Merkmale wie sie selbst besitzt. Auch bei ihm scheint sie etwas Verdächtiges zu wittern, aber die Untersuchung durch ihren Kollegen ergibt lediglich, dass Vore eine Vulva hat. Was folgt, könnte man als klassisches LGBTI-Selbstfindungsdrama beschreiben. Denn Tina fühlt sich hingezogen zu dem Fremden, der ihr hilft ihre Sexualität und körperliche Identität neu zu entdecken.

Doch „Border“ läuft nicht auf ein trans Coming-out oder etwas Ähnliches hinaus. In dem Moment, als die wahre Natur der beiden Held*innen offenbar wird, nimmt die Geschichte eine Wendung ins Fantastische und Unheimliche. Der Film des in Schweden lebenden Regisseurs Ali Abbasi steht eher in der Tradition eines queeren Horrorkinos, das mit seinen körperlich wie sexuell fluiden „Monstern“ uns weniger abstoßende Ungeheuer, als eigenwillige, faszinierende Außenseiter präsentiert.

Dazu zählen Klassiker wie „Dr. Jekyll & Sister Hyde“ (1971), die Filme von Clive Barker oder der erfolgreiche Vampirfilm „So finster die Nacht“ (2008), der wie „Border“ auf einer Geschichte des schwedischen Autors John Ajvide Lindqvist beruht. Doch während in „So finster die Nacht“ die queere Identität der Vampirheldin nur angedeutet wird, geht „Border“ in dieser Hinsicht wesentlich weiter und zeigt sich als einer der konsequentesten Vertreter dieser Gattung.

Nicht nur, dass er den queeren Sex von Tina und Vore in überraschend grafischem Detail ausmalt, in der Geschichte werden auch erstaunlich viele LGBTI-Themenkomplexe durchdekliniert: die erniedrigende Genitaluntersuchung durch eine cis Person, das erwachende Begehren nach der ersten Begegnung mit einer anderen queeren Identität, der Ausbruch aus einer unerfüllten Heterobeziehung oder der Wunsch nach Rache an einer heteronormativen Gesellschaft mit ihren destruktiven Zwängen. All das wird bunt gemischt mit Motiven aus der nordischen Mythologie und garniert mit einer an Lisbeth-Salander-Krimis erinnernden Thrillerhandlung, in der Tina die Machenschaften eines Kinderpornorings aufdeckt.

Indem der Film all diese vertrauten Erzählmuster und Themen zueinander in Stellung bringt und neu perspektiviert, entsteht wieder etwas Frisches und Aufregendes. Zumal Eva Melander als Tina selbst unter ihrer aufwendigen Maske noch feinste Nuancen dieses Charakters auszuloten versteht, während Abbasi die fantastischen und queeren Elemente seiner Geschichte mit größtmöglicher Authentizität in einer weitgehend tristen schwedischen Alltagswelt verortet.

Andreas Scholz

Border, S/DK 2018, Regie: Ali Abbasi,
mit Eva Melander, Eero Milonoff, Jörgen Thorsson,
ab 11.04. im Kino



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