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Präsidentschaftswahl in Frankreich

Macron: der Verteidiger der Homo-Rechte

Der parteilose sozialliberale Emmanuel Macron wird Frankreichs neuer Präsident. Das ist erst einmal eine gute Nachricht für die französiche LGBTI-Community

08.05.17 – Wenn man das Wahlergebnis der Präsidentschaftswahl in Frankreich nur mit einem einzigen Wort kommentieren dürfte, dann mit der typischen französischen Lautmalerei Ouf! Es ist unsere Art, ein erleichtertes Aufatmen auszudrücken. Der Gründer der politischen Bewegung „En Marche!“ („Auf geht's!“), Emmanuel Macron, ist am 7. Mai 2017 zum neuen Präsidenten Frankreichs gewählt worden. Der parteilose sozialliberale ex-Wirtschaftsminister hat 66,1% der Stimmen geholt, fast doppelt so viel wie seine rechtsextreme Konkurrentin Marine Le Pen (33,9%). Das „ouf!“ vieler Franzosen galt vor allem ihr. Denn weniger Macrons Sieg als Le Pens Niederlage war gestern für den Jubel eines großen Teils meiner MitbürgerInnen verantwortlich.

Der Newcomer Emmanuel Macron ist nicht besonders beliebt in Frankreich. Die liberale Haltung des 39-jährigen Ex-Bankiers macht vielen Franzosen Angst. Sie fürchten sich vor einem brutalen Sprung in eine gnadenlose Marktwirtschaft. Für viele bedeutet sein Sieg das Ende des sogenannten „État-Providence“ („Wohlfahrtsstaat“). Gegenüber dem albtraumhaften Programm der rechtsextremen Kandidatin des Front National – unter anderem: Schließung der Grenzen Frankreichs, Rückkehr zum Franc, Tragen einer Uniform in der Schule, Verankerung des Prinzips der „nationalen Priorität“ in der Verfassung, um Franzosen gegenüber Ausländern auf dem Arbeitsmarkt oder beim Erhalt von Sozialhilfe zu bevorzugen – ist das politische Projekt von Macron das „kleinere Übel“.

Für die queere französische Community bedeutet der Sieg von Emmanuel Marcon aber eine echte Rettung. Denn Marine Le Pen wollte nichts Geringeres als die Abschaffung der Ehe für alle, die 2013 unter der Präsidentschaft des Sozialisten François Hollande eingeführt wurde. Mehr als 32.600 Homo-Paare haben in den letzten 4 Jahren geheiratet. Gleichgeschlechtlichen Paaren sollte unter Le Pen nur eine eingetragene Lebenspartnerschaft offen stehen. Und in dem Absatz ihres Programms, wo es um Schutz vor Diskriminierungen geht, tauchen die Wörter Homophobie und Transphobie nicht einmal auf.

Macron hingegen sieht sich als „Verteidiger“ der Homo-Rechte. In einem offenen Brief an die queere französische Community, versprach er kurz vor der Wahl, „einen unerbittlichen Kampf gegen die Diskriminierung von LGBTIs“ zu führen und neue Rechte zu schaffen: So soll die künstliche Befruchtung – die bisher nur Hetero-Paaren vorbehalten ist – auch für lesbische Paare und Single-Frauen eingeführt und die Elternschaft gleichgeschlechtlicher Paare, die im Ausland geborene Kinder von Leihmüttern haben, anerkannt werden. Der Haken dabei: Im Gegensatz zu anderen Kandidaten wie dem Sozialisten Benoît Hamon und dem Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon will Macron, dass die Einführung der künstlichen Befruchtung erst einer Prüfung der französischen Ethikkommission unterzogen wird. Es bleibt also abzuwarten, ob diese Wahlversprechen umgesetzt werden.

Der französische Wahlkampf war geprägt von politischen Affären und Geldskandalen wie zum Beispiel die Vorwürfe der Scheinbeschäftigung gegen Marine Le Pen und dem Republikaner François Fillon. Emmanuel Macron musste sich hingegen mehrmals mit einem hartnäckigem Gerücht über sein Privatleben auseinandersetzen: Es wurde behauptet, er wäre schwul und hätte eine heimliche Affäre mit Mathieu Gallet, dem Chef des öffentlich-rechtlichen Hörfunksenders Radio France. Der Grund dafür liegt auf der Hand, denn der künftige französische Präsident ist mit einer 24 Jahre älteren Frau verheiratet: Brigitte Macron, seine damalige Lehrerin. In Frankreich scheint es selbst 2017 für viele geradezu unvorstellbar, dass man in eine ältere Frau verliebt ist. Und nicht nur das: Einige scheinen zudem zu glauben, dass man mit dem Wort „schwul“ immer noch einen Politiker diskreditieren könne. Dies wird als einer der traurigen Tiefpunkte des Wahlkampfes in Erinnerung bleiben.

Annabelle Georgen

Annabelle Georgen ist Französin. Sie lebt und arbeitet seit 7 Jahren als Auslandskorrespondentin für die französischsprachige Presse in Berlin. Unter anderem schreibt sie über die queere Berliner Szene für das Schweizer LGBT* Magazin 360°.



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