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Abgesang auf L-Beach: Warum eines der „besten Lesbenfestivals Europas" eingestellt wird

Die achte Ausgabe von L-Beach wird die letzte sein. Doch warum ist auf einmal Schluss? Was machte das Festival aus und was fehlte ihm? SIEGESSÄULE-Autorin Karin Schupp zieht Bilanz

© Krizzi with the K!

13.05.17 – Die Bettenburgen mit ihrem 70er-Jahre-Beton-Flair, das Zirkuszelt, die Strandbar, der Fischbrötchenstand – und überall nur Lesben, Lesben, Lesben! L-Beach: Das Wochenende in einer anderen Welt, in der 4.000 Frauen feiern, euphorisiert von der Energie, die spürbar in der Luft liegt. Das Festival war seit 2010 das Event, auf das sich die Lesbenszene einigen konnte: Von jungem Partygirl, das reine Lesben-Orte gar nicht mehr kennt oder für nötig hält, bis hin zur grau melierten Lesbe mit nostalgischen Erinnerungen an Frauencafés und Lesbenpfingsttreffen – alle waren da!

Und dann die Überraschung: „Wir hören auf, wenn es am schönsten ist!“, hieß es im April im Festival-Newsletter. Nach der achten Ausgabe von L-Beach, die am Donnerstag begann, wird Schluss ein. Aber wieso? Und ist es wirklich gerade am schönsten?

Auf Nachfrage erklärte L-Beach-Gründerin Claudia Kiesel lediglich: „Es gibt Grenzen, wie intensiv man sich in einem gewissen Rahmen immer wieder ‚neu erfinden‘, immer wieder den eigenen Anspruch und den des Publikums übertreffen kann. Wir hatten tolle Szene-VIPs zu Gast, insgesamt über 75 Live-Acts mit L-Faktor auf unseren Bühnen – da kommt irgendwann die Frage auf: What’s next? Darüber versuche ich mir nach dem Festival in Ruhe weitere Gedanken zu machen, wo es sonst immer gleich ‚Nach dem Fest ist vor dem Fest‘ heißt und das kommende Festival quasi bei der Abreise schon wieder begonnen wird!“

Es wäre nur zu verständlich, wenn sich Kiesel erschöpft eine Auszeit nehmen würde: Aber würde ein erfolgreiches, beliebtes Festival nicht sehr gerne von anderen Frauen weitergeführt werden? Da wir keine weiteren Informationen bekamen, ist das nur eine Vermutung, aber: Lohnt sich das Festival vielleicht finanziell nicht (mehr)? Kostensparende Kooperationen wie mit dem SoulWeekender, mit dem sich L-Beach bis 2013 das große Zelt teilte, gibt es jedenfalls zurzeit nicht, und die Besucherinnenzahlen gingen nicht erst seit gestern zurück.

Wieso war der Ticketverkauf rückläufig? Woran lag das? Haben „junge Frauen ein anderes Lebensgefühl“, wie Kiesel in der offiziellen Pressemitteilung schreibt? War L-Beach nicht mehr zeitgemäß?

Auch SIEGESSÄULE- und L-MAG-Verlegerin Manuela Kay kann nur spekulieren: „Es wurde zu lange nichts Neues geboten, die Preise stiegen, aber das Angebot, vor allem die Musikacts, wurden eher unattraktiver als besser“, sagt sie. „In dem Moment, als die Teilnehmerinnenzahlen sanken, hätte man reagieren und ehrlich damit umgehen müssen – oder auch mal auf Partner wie L-MAG hören, anstatt sie zu vergraulen.“ Ihr Bedauern ist trotz allem groß: „L-Beach war eins der besten Lesbenfestivals in Europa, und als Ex-Medienpartner, der am Anfang sehr mitgeholfen hat, es auf einen erfolgreichen Weg zu bringen, finde ich es sehr traurig, dass es nun zu Ende ist.“ Wie muss ein Festival sein, dass jedes Jahr wieder sowohl treue Stammgäste als auch neue Besucherinnen anzieht? Ja, es muss eine gute Location und attraktive Events haben und immer wieder etwas Neues bieten, allein schon, um zu zeigen, dass es sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruht - aber es geht nicht um ein Schneller-Höher-Weiter, sondern darum, eine tolle Stimmung, ein euphorisches Wir-Gefühl zu schaffen. Nur wer drei Tage lang eine einzigartige Atmosphäre erlebt hat, kommt wieder und bringt Freundinnen mit, die auch „dazugehören“ wollen.

Anstatt dieses Gefühl tatkräftig zu unterstützen, war L-Beach aber gerade hier immer sehr schwammig: Trotz des großen „L“ gab man sich offiziell nie als Lesbenfestival und redete immer nur von „Frauen“, was als gemeinsamer Nenner doch ein bisschen wenig ist – zumal auch jede Hete, jede bisexuelle, queere, pansexuelle und noch-nicht-entschiedene Besucherin wusste, worum es an diesem Wochenende ging: Mit anderen Frauen zu feiern, zu reden, zu flirten und (wenn’s gut lief) Sex zu haben.

Diese Identität fehlte mitunter auch dem Musikprogramm, das sich immer beliebiger anfühlte. Statt Bands wie Frida Gold 2012 (Sängerin Alina auf der Bühne: „Ich bin so nervös. Hier fehlen die Männer …“) oder Glasperlenspiel 2017 hätte ich mir mehr Acts mit „L-Credibility“, also einer zuvor schon bewiesenen Nähe zur LGBT-Szene, gewünscht.

Klar: das Booking ist schwierig und scheitert oft an Termin und Gage, aber an angesagten lesbischen/queeren Musikerinnen fehlt es nun wirklich nicht – LP, PVRIS, Mary Lambert, Halsey, Shura, Lucy Spraggan, Clara Luzia oder auch Kerstin Ott (die als lesbisches Nordlicht ein echtes Heimspiel gehabt hätte!) fallen mir da auch als Nicht-Expertin ohne Nachdenken ein. Und wieso nicht einfach das Line-up eindampfen und stattdessen einen größeren Namen wie Beth Ditto, Tegan & Sara, The xx oder Gianna Nannini auf die Bühne holen? Das hätte L-Beach vielleicht ohnehin besser zu Gesicht gestanden: Ein Lesbenfestival mit Musikprogramm – und kein Musikfestival, das zufälligerweise nur von Frauen besucht wird.

Genauso unterschätzt wurde die Zugkraft von Lesbenidolen. Vor allem Schauspielerinnen, die man aus einer lesbischen TV- oder Kino-Rolle kennt, werden begeistert bejubelt: das bewiesen fünf The L Word-Stars bei L-Beach (leider nur bis 2014), und das beweisen Fan-Conventions in den USA. Und es muss durchaus nicht nur der L Word-Cast sein (obwohl niemand etwas dagegen hätte!), aber der Bekanntheitsgrad der letzten Special Guests bei L-Beach war dann doch zu gering. Dabei müsste man gar nicht so weit schauen: Auch deutsche Soap-Lesben haben eine große Fangemeinde, und – nur als Beispiel – die GZSZ-Lesbe Linda Marlen Runge hat sogar eine Band …

Aber jetzt wird am Weißenhäuser Strand erst mal ein rauschender Abschied gefeiert, und dann schauen wir mal, was sich Claudia Kiesel als nächstes ausdenkt. „Dass wir nicht im gleichen Format weitermachen, heißt nicht, dass dies nicht in anderer Form sein könnte und ich nicht weitere Ideen zu L-Beach und in Sachen Community-Events oder -Plattformen habe“, sagt sie. „Ob ein anderer Ort, ein anderes Programm, eine neue Ausrichtung, eine andere Größenordnung, Erweiterungen ins Web – all das wird sich in den Wochen nach L-Beach #8 zeigen.“

Oder will jemand nicht warten und selbst ein Festival auf die Beine stellen? Immerhin: Eine Mutige gibt's schon! Am 28. September öffnet nahe der holländischen Grenze das „Womensummerland“ seine Pforten, alle Infos findet ihr hier und auf Facebook.

Karin Schupp

l-beach.com



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